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Schreibtipps von Christelle Dabos #5

Christelle Dabos hat Eure häufigsten Fragen rund um das Thema Schreiben beantwortet.

Christelle Dabos möchte ihre Fans zum Schreiben ermuntern und hat deshalb im Rahmen einer Kooperation zwischen Plume d’Argent und der französischen Literaturagentur Sélène* eine ganze Reihe von Schreibtipps verfasst: Welche Nebenfiguren braucht eine spannende Geschichte? Wie bringe ich meinen Roman zu Ende – und wie verpasse ich ihm den letzten Schliff?
Diesen und noch einigen anderen Fragen will die Autorin von Die Spiegelreisende hier im fünften und abschließenden Teil der Schreibtippreihe mit Euch nachgehen.

Falls Ihr die bisher erschienenen Schreibtipp-Beiträge verpasst habt oder sie noch einmal nachlesen wollt: Hier geht’s zu Beitrag Nummer 1 », Nummer 2 », Nummer 3» und den vierten Beitrag findet Ihr hier »

 

 

Die Nebenfiguren

Sélènes Rat:

Sie dürfen auf keinen Fall nur dazu dienen, die Heldin bzw. den Helden zur Geltung zu bringen. Ihr müsst auf die Nebenfiguren die gleiche Sorgfalt verwenden wie auf Eure Hauptheldin bzw. Euren Haupthelden. Dann wird der Austausch zwischen ihnen gehaltvoll und alle Beteiligten werden Empathie bei den Lesenden wecken.

Kommentar von Plume d’Argent:

Gehört Ihr zu der Sorte »Glucken«-Autorinnen oder -autoren, die sich zwangsläufig in jede ihrer Nebenfiguren verlieben? Oh, zuerst hattet Ihr nicht vor, ihnen eine große Rolle zuzuweisen. Dann habt Ihr ihnen einen Namen gegeben. Und schon hat sich die Figur, die eigentlich wieder hinter den Kulissen verschwinden und nie mehr hervorkommen sollte, auf der Bühne eingenistet. Im Grunde haben diese Figuren, wenn sie Euren Absichten dienen, durchaus ihren Platz in der Geschichte. Achtet dennoch darauf, dass es der richtige Platz ist.

 

Rutsch mal ein Stück, damit ich Platz habe

Falls Ihr merkt, dass eine Nebenfigur immer mehr Raum einnimmt, immer wichtiger wird, und Ihr sie schließlich gehaltvoller findet als Eure Hauptfigur … dann habt Ihr Euch vielleicht in Eurer Heldin oder Eurem Helden getäuscht.

Wenn aber alle Eure Figuren die Bühne stürmen, dann nehmt Euch einen Moment Zeit zum Nachdenken. Man sammelt sie, gewinnt sie alle lieb, möchte sie auftreten lassen, aber dient jede von ihnen wirklich dem aktuellen Geschehen? Nein? Es mag sich wie Kindsmord anfühlen, aber möglicherweise solltet Ihr in Erwägung ziehen, Euch von einigen Figuren zu trennen. Vielleicht bekommen sie ja einen Platz in einer anderen Geschichte? Besser ein kleines Ensemble von Figuren, die alle lebendig wirken und Tiefe haben, als ein Flohzirkus willkürlicher Gestalten, die machen, was sie wollen.

 

Freund oder Feind?

Die Gestalten des Verräters und des Abtrünnigen sind dramaturgisch sehr interessant.
Die zweite Hauptfigur kann auch ein falscher Verbündeter sein. Der Freund, der dem Helden später den Dolch in den Rücken oder mitten in die Brust stößt. Je stärker und aufrichtiger die Freundschaft ist, desto größer ist die Wirkung dieses Verrats auf die ganze Geschichte.

Oder die zweite Hauptfigur kann ein vermeintlicher Widersacher sein. Der Typ aus dem gegnerischen Lager, den man von Anfang an nicht riechen kann, nur dass er dann tatsächlich seine eigenen Leute verrät, um sich der Sache der Heldin oder des Helden anzuschließen.
Aber auch da, egal in welchem Fall: Nehmt Euch Zeit, zu überlegen, welches die tieferen Beweggründe der Figur sind, die ihre Freunde verrät.

 

Der letzte Schliff:
Noch einmal durchlesen und in Form bringen

 Sélènes Rat:

Nochmal durchlesen: Es ist wichtig, den eigenen Text noch einmal zu lesen, um so viele Fehler wie möglich auszumerzen. Zögert nicht, jemanden um Hilfe zu bitten, wenn Ihr nach Abschluss der ersten Fassung nicht mehr genug Abstand zu Eurem eigenen Text habt. Achtet auch auf Wiederholungen und greift ruhig ordentlich in die Synonymkiste, natürlich ohne es zu übertreiben.

In Form bringen: Denkt an die müden kleinen Augen der Lektorinnen und Lektoren! Euer Text muss gut lesbar sein. Keine originelle Typo oder Serifenschrift! Nichts spricht gegen einen größeren Schriftgrad. Auch die Zeilenzwischenräume sollten nicht zu eng sein – um die Augen Eurer Lektorin oder Eures Lektors zu schonen, aber auch, damit sie oder er Anmerkungen machen kann, falls sie/er sich den Text ausdruckt.

Kommentar von Plume d’Argent:

Ihr habt euren Roman endlich, ENDLICH abgeschlossen? Herzlichen Glückwunsch! Jetzt macht vor allem erst mal gar nichts mehr. Lehnt Euch zurück. Lasst das Ganze ein paar Tage oder sogar Wochen ruhen, bis Ihr den Text vergessen habt. Erst wenn Ihr Abstand gewonnen habt, könnt Ihr Eure Datei wieder öffnen. Jetzt seid Ihr beim Feinschliff angelangt. Flieht, Ihr armen Irren!

 

Die Korrekturen

Jetzt müsst Ihr Euren Text durchlesen (wiederdurchlesen (und nochmalwiederdurchlesen)). Beim ersten Durchgang kann man sich auf die Stellen konzentrieren, wo noch etwas fehlt oder weg kann. Es gibt vielleicht Szenen, bei denen Ihr es zu eilig hattet, zu viel ausgelassen habt oder an der Oberfläche geblieben seid und denen etwas mehr Atmosphäre guttäte. Bei anderen Szenen ist möglicherweise genau das Gegenteil der Fall, da habt Ihr ein bisschen zu dick aufgetragen, wodurch Längen und Redundanzen entstehen.

Man darf vor allem nicht sentimental sein: Wenn Euer Text dadurch gewinnt, dass Ihr ihn ordentlich strafft, tut es. Lest ihn Euch laut vor, so könnt Ihr besser beurteilen, ob er flüssig ist und der Rhythmus stimmt, und außerdem Wiederholungen aufspüren.

Und schließlich überlegt Euch die Einteilung gut. Romane, besonders Jugend- oder Young-Adult-Romane werden heute in Kapiteln angelegt. Ein Kapitel entspricht einer Station des Handlungsschritts, eventuell unterteilt in kleinere Schritte. Jedes Kapitel muss etwas zur Entwicklung des Plots beitragen.

 

Hier ein paar Empfehlungen…

… für die Formatierung Eures Manuskripts:

  • Nehmt nur eine Schriftart für den gesamten Text.
  • Benutzt keine ausgefallenen Schriften oder Farben.
  • Vermeidet es, ganze Absätze fett oder kursiv zu setzen
  • Gebt gegebenenfalls in der Kopfzeile auf jeder Seite Euren Namen an, falls das Manuskript ausgedruckt wird.

… und für die Titelseite Eures Manuskripts:

  • Nennt Euren Namen,
  • den Serientitel (falls es eine mehrteilige Serie ist),
  • und den Titel des Bandes.
  • Benutzt auch hier keine ausgefallenen Schriften oder Farben.
  • Bastelt Euch nicht mit Photoshop Euer eigenes Cover – es sei denn, es geht um ein Bilderbuch.

 

Biografie & Zusammenfassung/Übersicht

Es kann immer hilfreich sein, eine kurze Vorstellung von Eurem Roman und Euch selbst beizulegen.

Was den Roman betrifft, da könnt Ihr ausgehend von Eurer Anfangsidee eine Zusammenfassung schreiben und dazu auf höchstens einer Seite die Leitlinien und groben Etappen der Handlung skizzieren.

Was Euch betrifft, so könnte eine Lektorin oder ein Lektor daran interessiert sein, zu erfahren, ob Ihr schon etwas veröffentlicht habt, ob Euer Beruf oder ein Aspekt Eures Privatlebens Euer Schreiben irgendwie beeinflusst, Euch vielleicht für ein bestimmtes Thema empfänglich gemacht hat. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, kann das doch helfen, auf menschlicher Ebene einen ersten Kontakt anzubahnen. 😉

 

Darüber hinaus …

… ich kann Euch nur wärmstens den Essay Schreiben Sie? von Jean-Philippe Arrou-Vignod empfehlen, in dem ich mich sehr wiedergefunden habe! Leider gibt es den Essay bislang nur auf Französisch…
Hier dennoch ein kleiner Auszug, damit Ihr Euch einen Eindruck machen könnt:

»Dieses Büchlein ist kein Schreibkurs. Noch weniger ein Kästchen voller Lösungen. Es möchte nur die Arbeit eines Schriftstellers beleuchten. Was tut er, wenn er an seinem Schreibtisch sitzt? Wie erfindet er eine Geschichte, und Figuren? Wie gelingt es ihm, sie auf eine Weise sehen, handeln und sprechen zu lassen, die uns Lesern das Gefühl gibt, sie würden existieren? Diese Unternehmung, der Sie sich weihen möchten oder die Sie vielleicht schon in Angriff genommen haben – ein Buch zu schreiben – worin genau besteht sie?«

 

 

So, das war der letzte Co-Schreibtipp mit Christelle Dabos, Sélène und Plume d’Argent.

Ich kann diese Schreibtippreihe unmöglich abschließen, ohne ein großes, ein immenses Dankeschön an alle zu richten, die mir täglich Nachrichten schreiben. Es tut mir unendlich leid, dass ich nicht jede einzelne beantworten kann, aber ich lese sie alle, ohne Ausnahme, und freue mich sehr darüber. Danke, also ♥

Christelle

 

  Aus dem Französischen von Amelie Thoma

 

* Sélène ist eine französische Literaturagentur. Aber was bedeutet das eigentlich? Literaturagenturen ersetzen nicht den Verlag, sondern stehen zur Beratung, Unterstützung, Anleitung und Verteidigung talentierter Autorinnen und Autoren zur Verfügung. In unserer Schreibtipps-Beitragsreihe gibt Christelle Dabos in Zusammenarbeit mit der Literaturagentur Sélène hilfreiche Ratschläge rund um das Thema Schreiben.
Plume d’Argent ist eine französische Online-Plattform, die sich Amateurautorinnen und –autoren widmet. Angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller können ihre Geschichten, Essays oder Gedichte veröffentlichen, Feedback sammeln und selbst Texte anderer Schreiberlinge kommentieren.

 

Du hast das Buch noch nicht?

Hier kannst Du es bestellen:

Erschienen am 11. März 2019

Sommer 2019

Winter 2019

Frühling 2020