Seite auswählen

Schreibtipps von Christelle Dabos #4

Christelle Dabos hat Eure häufigsten Fragen rund um das Thema Schreiben beantwortet.

Hier kommt nun der vierte Teil der Beitragsreihe zum Thema Schreiben: Christelle Dabos hat im Rahmen einer Kooperation zwischen Plume d’Argent und der französischen Literaturagentur Sélène* eine ganze Reihe von Schreibtipps verfasst – speziell für diejenigen unter Euch, die es selbst einmal mit dem Schreiben probieren wollen. Wie erwecke ich eine Figur zum Leben und wie mache ich sie zu einem spannenden Charakter? Was sind ihre Ängste, Wünsche und Ziele? Diesen und noch einigen anderen Fragen will die Autorin von Die Spiegelreisende hier mit Euch nachgehen.

Ihr habt die bisherigen drei Teile der Schreibtipp-Reihe verpasst? Hier findet Ihr den ersten Beitrag », hier geht es zu Beitrag Nummer 2 » und Beitrag Nummer 3 »

 

 

Die Heldinnen und Helden charakterisieren

Sélènes Rat:

Wenn Ihr das Gefühl habt, dass Ihr eure Figur im Lauf der Erzählung immer besser im Griff habt, dann ist etwas schiefgelaufen. Es ist wichtig, zu wissen, über wen Ihr sprecht, bevor Ihr über sie oder ihn sprecht! Ihr solltet Eure Figur in und auswendig kennen, ehe Ihr mit dem Schreiben beginnt. Wenn das nicht der Fall ist, dann wird sie immer ausgedacht wirken.
Je mehr Ihr über Eure Figuren sagen, je klarer Ihr sie umreißen könnt, desto weniger verfolgt Euch dieses Gefühl der Unschärfe, das jeder angehender Autorin und jedem angehenden Autor zu schaffen macht. Aber Achtung, auch wenn Ihr Eure Figur durch und durch kennt, heißt das noch lange nicht, dass Ihr den Lesenden unbedingt ihre gesamte Biographie auftischen müsst. Dosiert vielmehr geschickt die Informationen, die Ihr für notwendig erachtet.

Wer ist sie? Ist sie schüchtern, fröhlich, cholerisch? Was begeistert sie? Zeichnen? Sport? Mandalas? Ist sie eine Naschkatze? Wie steht sie zu den anderen?
Lasst sie menschlich wirken und zögert nicht, ihre Schwächen zu zeigen! So könnt Ihr sie sich besser entwickeln lassen.

 Kommentar von Plume d’Argent:

Manche Autorinnen und Autoren fertigen äußerst detaillierte Steckbriefe zu den Hauptfiguren an, andere wiederum hemmt das total. In beiden Fällen begegnet man einem (beinahe) allen Autorinnen und Autoren bekannten Phänomen: der Emanzipation der Figur. Es ist dieser unglaubliche Moment, in dem unsere Figur ungeachtet all dessen, was wir auf dem Papier für sie geplant hatten, eine Entscheidung trifft, die wir nicht vorhersehen konnten. Einmal kurz nicht aufgepasst, und hopp, gucken wir als Schreibende dumm aus der Wäsche. Vielleicht sind wir dann sauer. Oder auch gerührt.

Aber, ja, die Figuren können – müssen – sich entsprechend der Dynamik der Geschichte entwickeln. Indem wir sie zum Handeln zwingen, zeigt sich ihnen und uns manchmal erst ihr wahrer Kern. Das gehört zum Schreiben dazu, und für viele Autorinnen und Autoren ist es sogar genau das, was daran so richtig Spaß macht. Dennoch gibt es zwei wichtige Momente, in denen man sich Fragen zu seinen Figuren stellen muss. Noch bevor man das allererste Wort der Geschichte zu Papier bringt, sollte man sich überlegen: Wer sind meine Figuren und warum tun sie all das, was sie tun?

Der zweite ist, wenn eine Figur anfängt, sich völlig konträr zu dem zu entwickeln, wie sie ursprünglich angelegt war. Da muss man dann sicher irgendwo etwas anpassen. In jedem Fall sollte man sich ein wenig Zeit nehmen, um sich seiner Protagonistin bzw. seinem Protagonisten gegenüberzusetzten, ihr bzw. ihm in die Augen zu schauen und mit gemeinsam Bilanz zu ziehen.

 

Der Figuren-Steckbrief

– der berüchtigte. Also, ja, bei dem Gedanken daran bekommen viele Autorinnen und Autoren Krämpfe, aber man sollte nicht alles an dieser Idee verwerfen, die Euch dazu bringt, Euch interessante Fragen zu Euren Heldinnen und Helden zu stellen.

Hier ein paar Beispiele:

    • Vergangenheit:
      Was sind die großen historischen Ereignisse, die er/sie erlebt hat und die ihn/sie geprägt haben? Verfolgt ihn/sie ein persönliches Erlebnis aus der Vergangenheit (zum Beispiel Groll oder Schuld)? Welches Geheimnis oder welche Geheimnisse verbirgt die Figur? Warum und wie?
    • Merkmale:
      Was ist seine/ihre größte Stärke? Auf welchem Gebiet hat er/sie herausragende Fähigkeiten? Was ist seine/ihre größte Schwäche? Was sind seine/ihre größten Ängste?
    • Selbstwahrnehmung:
      Wie würde er/sie sich selbst beschreiben? Woran glaubt er/sie? Was lässt ihm/ihr keine Ruhe?

 


Der Wunsch der Heldin bzw. des Helden

Hierbei handelt es sich um die entscheidende Triebfeder Eurer Protagonistin bzw. Eures Protagonisten, das Ziel, das er oder sie zu Beginn der Geschichte erreichen möchte: Ein verschwundenes Wesen suchen, aus dem Gefängnis entkommen, den Tod der eigenen Familie rächen, die beste Pingpongspielerin der Welt werden. Wenn Ihr Euch dieser Triebfeder bewusst seid, habt Ihr die ganze daraus resultierende Dynamik im Griff.

Es ist interessant zu sehen, dass Eure Figur auch keinen anderen Antrieb haben kann als »mir ging es sehr gut zu Beginn der Geschichte, ich hätte einfach gern, dass es so bleibt«, während der Rest der Welt alles dransetzt, ihr keine Ruhe zu lassen. Eure Heldinnen oder Helden, die dadurch automatisch zu Antiheldinnen oder -helden werden, können sich mit einer Mission betraut sehen, von der sie gar nichts wissen wollten.

In diesem Fall entsteht die ganze Geschichte aus dem Konflikt zwischen dem Wunsch der Heldin oder des Helden und den widrigen Kräften, die verhindern, dass dieser Wunsch erfüllt wird. Spannend ist dann, zu sehen, wie entweder der Wunsch der Heldin bzw. des Helden stärker wird oder wie er sich im Lauf der Ereignisse wandelt.

Denn wie wir gleich sehen werden, ist der Wunsch nur der bewusste, sichtbare Teil Eurer Figur.

 

Das wahre Bedürfnis der Heldin bzw. des Helden

Hier geht es um den verborgenen Teil Eurer Hauptfigur, ihre unbewussten Beweggründe, die bestimmen werden, wie sich die Dynamik ihrer bewussten Beweggründe entwickelt.

Eine interessante Methode für die Autorin bzw. den Autor, das wahre Bedürfnis der Protagonistin bzw. des Protagonisten zu ergründen, ist, sich zu fragen: Was fehlt ihm/ihr? Was ist diese grundlegende Sache, die ihn/sie daran hindert, sich vollständig zu fühlen?

Eine Figur kann sich zum Beispiel einbilden, ihr größter Wunsch sei, um die Welt zu reisen, während sie in Wahrheit, ohne sich dessen bewusst zu sein (zumindest am Anfang der Geschichte), ihrem Zuhause und ihrer Verantwortung entflieht. Um die Leere zu überwinden, die sie durch die Reise zu füllen versucht, muss sie sich letztendlich dem stellen, was sie zu Hause unvollendet gelassen hat.

Das wahre Bedürfnis Eurer Heldin bzw. Eures Helden bleibt dasselbe vom Anfang bis zum Ende der Geschichte. Sein/Ihr Wunsch dagegen entwickelt sich im Lauf der Zeit.

 

Die Widersacherin bzw. der Widersacher

Wie Sélène betont hat, ist der Widersacher/die Widersacherin eine mindestens ebenso wichtige Figur wie der Held bzw. die Heldin. Er/Sie übernimmt die Rolle eines Spiegels, der eurer Heldenfigur zeigt, wer er im Angesicht widriger Umstände wirklich ist. Er kann ebenso seine/ihre Stärken (Güte, Mut, Entschlossenheit) offenbaren wie seine/ihre Schwächen verstärken (Egoismus, Feigheit, Sturheit) oder beides auf einmal.

Der Widersacher bzw. die Widersacherin lässt den größten Konflikt der Geschichte entstehen, indem er oder sie eure Protagonistinnen und Protagonisten daran hindert, ihren Wunsch zu befriedigen. Und je stärker dieser Konflikt ist, desto dramatischer wird eure Geschichte.

Meist stellt man sie sich als große, skrupellose Bösewichte vor, die die Welt beherrschen möchten, aber sie können auch eine Naturkatastrophe sein, ein politisches System, ein sportlicher Rivale, ein geliebter Mensch oder sogar eine Facette der Heldin oder des Helden selbst.

 

 

Figuren – beschreiben … oder nicht

 Sélènes Rat:

Man muss das Aussehen seiner Figuren nicht unbedingt beschreiben oder kann nur ein paar Anhaltspunkte geben. Eine Figur lässt sich sehr gut anhand ihrer Charakterzüge und/oder ihrer Art zu sprechen umreißen, eine äußere Beschreibung ist nicht zwingend notwendig. Außerdem sollte man die Fantasie der Leserinnen und Leser nicht unterschätzen, die den Angaben der Autorin oder des Autors oft nicht folgt.

Im Übrigen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die äußeren Merkmale einer Figur einzustreuen. Besser, man vermeidet es, den Erzählfluss zu unterbrechen, um die Heldin, den Helden oder eine Nebenfigur zu beschreiben.

Manchmal genügen bestimmte Details: die Größe, die Hautfarbe. Und der Rest ergibt sich aus dem Verhalten, aus Ticks oder einer kurzen Erwähnung der Kleider. Es ist beeindruckend, wie viele Assoziationen an eine Lederjacke, einen Anzug oder ausgelatschte Schuhe geknüpft sind.

 Kommentar von Plume d’Argent:

Es gibt Autorinnen und Autoren, die sich gern wiederholen und Euch jedes Mal, wenn eine Figur auftaucht, daran erinnern, wie sie aussieht. Es gibt die Minimalisten, die Euch niemals, unter keinen Umständen verraten werden, welche Züge ihr Held oder ihre Heldin hat – oder wenn doch, bringen sie Euch hinterher um. Kurz, es gibt zahlreiche Herangehensweisen, wie man seine Figuren beschreiben oder auch nicht beschreiben kann.

Auch hier sagen wir Euch, was wir während der Co-Schreibtipps immer und immer wieder betonen: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Wichtig ist, dass Ihr wisst, was Ihr Euren Leserinnen und Lesern vermitteln wollt. Wenn Ihr Euch dafür entscheidet, Eure Figuren zu beschreiben, dann heißt das, ihr Aussehen spielt eine Rolle. Ist es für Euch von Bedeutung? Für Eure Wahrnehmung der Szene? Für die Handlung selbst? Und vor allem, warum ist es von Bedeutung? Welchen Eindruck wollt Ihr von Eurer Figur durch die Beschreibung vermitteln?

 

Das Wer und das Wann

Nicht alle Figuren sind dazu geeignet, beschrieben zu werden. Jemand, der nur ein einziges Mal im ganzen Buch vorkommt, zum Beispiel, ist es nicht. Schon da kann man sich überlegen, worauf man die Aufmerksamkeit der Lesenden lenken will – oder eben nicht.

Außerdem stellt sich die Frage des Timings. Es ist nicht unbedingt am passendsten, die Figur in dem Moment zu beschreiben, in dem sie in der Geschichte auftaucht. Eine größere Wirkung erzielt Ihr, wenn Ihr die Figur in dem Moment beschreibt, in dem sich das Objektiv Eurer »Kamera« auf sie richtet.

Zum Beispiel? Bitte sehr: Euer Held wird auf der Straße von einem Passanten angesprochen, der ihn nach der Uhrzeit fragt. Euer Held hat es sehr eilig, er muss die Welt retten, und flitzt weiter. Doch der Passant lässt nicht locker, folgt ihm und fragt ihn wieder nach der Uhrzeit. Und als sich Euer Held endlich genervt zu ihm umdreht, merkt er, dass der Passant nicht irgendjemand ist. Und jetzt, Zoom, Nahaufnahme, Beschreibung. Tata!, der Passant ist eine Weltraumschabe!

 

Skulptur und Aura

Kommen wir wieder darauf zurück, welchen Stellenwert wir dem Aussehen der Figur in der Geschichte einräumen.
Ihr könnt ihr Gewicht angeben, ihre Größe, ihre Maße, ihre Haut-, Augen oder Hosenfarbe, nichts davon wird bei den Leserinnen und Lesern einen bleibenden Eindruck hinterlassen (außer, sie ist rothaarig, aber das ist eine andere Diskussion, die wir auf Plume d’Argent führen). Sie wird leblos bleiben.
Gebt der Figur dagegen eine besondere Stimme und Körperhaltung, spezielle Gesten, verpasst ihr einen kleinen Tick, legt die Betonung auf ihre ausgeprägte oder nicht vorhandene Mimik, und schon erwacht sie zum Leben.
Ihr könnt Euch auch dafür entscheiden, nur ein ganz kleines Detail Eurer Figur zu beschreiben, ein Detail, das allein aber schon viel über sie aussagt. Ihre zu kurz geschnittenen Nägel. Diese Verbrennung am Hals. Der extreme Geruch nach Seife.

 

Schein und Sein

Autorinnen und Autoren, denen die äußere Beschreibung ihrer Figuren wichtig ist, kommen oft in Versuchung, Models daraus zu machen. Eine Frau mit großen tiefblauen Augen, Zähnen wie Perlen, kirschroten Lippen, einem atemberaubenden Hintern und einer Flut glänzender Locken. Ein Mann mit markantem Kiefer, magnetischem Blick, athletischem Kreuz und federndem Gang. Natürlich kann es für Eure Handlung von Bedeutung sein, dass die Figuren diesen Schönheitskriterien entsprechen. Manche Autorinnen und Autoren spielen sogar damit, um ihre Leserschaft zu manipulieren.
Vermeidet nur unbedingt, Stereotype zu kopieren, die Ihr schon tausendmal irgendwo gelesen habt. Beobachtet die Leute um Euch herum, Menschen, die Ihr mögt, oder solche, denen Ihr nur ein Mal begegnet. Es heißt, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Überlegt Euch, was Euch sofort an ihnen auffällt, was Eure Sinne und Gefühle anspricht. Wie würdet Ihr das in Worte fassen? Es gibt unzählige Arten, einen Menschen zu beschreiben: Findet Eure eigene!

 

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

 

* Sélène ist eine französische Literaturagentur. Aber was bedeutet das eigentlich? Literaturagenturen ersetzen nicht den Verlag, sondern stehen zur Beratung, Unterstützung, Anleitung und Verteidigung talentierter Autorinnen und Autoren zur Verfügung. In unserer Schreibtipps-Beitragsreihe gibt Christelle Dabos in Zusammenarbeit mit der Literaturagentur Sélène hilfreiche Ratschläge rund um das Thema Schreiben.
Plume d’Argent ist eine französische Online-Plattform, die sich Amateurautorinnen und –autoren widmet. Angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller können ihre Geschichten, Essays oder Gedichte veröffentlichen, Feedback sammeln und selbst Texte anderer Schreiberlinge kommentieren.

 

Ihr seid neugierig geworden und wollt weitere Tipps und Tricks zum Thema Schreiben von Christelle Dabos?
Hier gelangt Ihr zum letzten Beitrag der Reihe:
Schreibtipps von Christelle Dabos #5 »

 

Du hast das Buch noch nicht?

Hier kannst Du es bestellen:

 

Erschienen am 11. März 2019

Erschienen am 27. Juli 2019

Erschienen am 18. November 2019

 

Erscheint am 18. Mai 2020