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Schreibtipps von Christelle Dabos #3

Christelle Dabos hat Eure häufigsten Fragen rund um das Thema Schreiben beantwortet.

Wie werden meine Figuren zu spannenden Charakteren? Wie sieht ihr Seelenleben aus? Aus welchen Bausteinen besteht eine mitreißende Geschichte? Hier kommt die dritte Episode an Schreibtipps, die Christelle Dabos im Rahmen einer Kooperation zwischen Plume d’Argent und der französischen Literaturagentur Sélène* für Euch verfasst hat.

Ihr habt die ersten beiden Schreibtipps-Beiträge verpasst? Hier findet Ihr den ersten Beitrag der Schreibtipp-Reihe » und hier geht es zu Beitrag Nummer 2 »

 

Handlung, Introspektion, Beschreibung

 Sélènes Rat:

Ganz generell sollte die Handlung die Erzählung nicht dominieren. Handlungspausen sind unverzichtbare Bestandteile für den Aufbau einer Erzählung.
Die Protagonistinnen und Protagonisten müssen die Möglichkeit haben, ihre Lage zu analysieren und Dinge zu empfinden. Sie müssen Angst haben, ihre Fehler erkennen, Fortschritte machen, traurig sein, wieder Hoffnung schöpfen, resignieren können, und so weiter. Daher ist es wichtig, Momente einzubauen, in denen Eure Heldin bzw. Euer Held sich ausdrücken kann. Denn solche Momente sind es, in denen Leserinnen und Leser Eure Figuren ins Herz schließen.

Kommentar von Plume d’Argent:

Romane sind aus vier großen »Bausteinen« errichtet: Dialog, Handlung, Beschreibung und Introspektion. Das ist natürlich kein allgemeingültiges Gesetz. Aber in den meisten Fällen handeln, reden, sehen, spüren, empfinden, denken usw. Eure Figuren. Wie viel Raum jeder dieser Bausteine bekommt, beeinflusst den Rhythmus der Erzählung, ihre Atmosphäre und Tiefe. Es sind ebenso unterschiedliche wie komplementäre Schreibtechniken, die wir nicht unbedingt alle gleich gut beherrschen.

 

Die Handlung

Ein Rat, den man zu diesem Thema immer wieder hört, ist show, don’t tell: Eine Szene wird eindrücklicher, wenn man, anstatt zu erklären, dass die Figur wütend ist, zeigt, wie sie ihre Wut äußert – oder jemandem einen Stuhl auf dem Kopf zertrümmert. Ein anderer häufiger Tipp zu Handlungs-Szenen betrifft den Satzrhythmus selbst: Kurze oder sogar elliptische (also unvollständige) Sätze erhöhen das Tempo und vermitteln einen Eindruck von Dringlichkeit. Je länger, komplizierter und vollgestopfter mit Adverbien, Adjektiven und Co. die Sätze sind, desto mehr verwässert die Handlung. Damit könnt Ihr nun spielen, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

 

Die Introspektion

In der Musik ist Stille ebenso wichtig wie die Töne selbst. Wenn man Pausen in eine Erzählung einbaut, indem man Handlungs-Szenen mit solchen abwechselt, bei denen es eher um die Gedanken oder Gefühle der Figuren geht, ermöglicht man den Leserinnen und Lesern, tiefer in die Geschichte einzutauchen. Zu wissen, was eine Protagonistin denkt oder empfindet, wie sie eine Situation erlebt, warum es ihr gelingt, eine bestimmte Entscheidung zu treffen, kann den Lesenden helfen, sich mit ihr zu identifizieren. Aber in wieweit kann man überhaupt ausdrücken, was nicht immer in Worte zu fassen ist? Die Autorin Carole Trébor hat sich zum Beispiel dafür entschieden, die intimsten Gefühle ihrer Heldin nicht zu beschreiben. Denn manchmal ist Schweigen aussagekräftiger als alle Worte.

 

Die Beschreibung

Wenn Ihr Euch auf diesem Gebiet nicht besonders wohlfühlt, lasst Euch nicht entmutigen. Eine Beschreibung muss nicht unbedingt lang und detailliert sein, um anschaulich zu wirken. Und vor allem muss sie sich nicht auf visuelle Eindrücke beschränken. Ein paar sorgfältig gewählte Worte, die die Sinne ansprechen, können genügen, wie Janine Boissar in ihrem Buch Weil wir vier Mädchen sind (im Original: L’Esprit de Famille, übersetzt von Christa Kornetzky) zeigt: »Es ist grau, schmuddelig, nass. Die Autos fahren vorüber mit einem Geräusch zerreißender Seide.« Die Kulisse steht, das wär‘s.

 

Dialoge

 Sélènes Rat:

Einen Dialog verfasst man nicht wie eine Beschreibung. In den Dialogen werden Eure Figuren lebendig. Sie müssen authentisch klingen, vor allem, wenn Eure Helden jung sind und die Geschichte in der Gegenwart spielt. Ein Tipp: Lest Euch Eure Dialoge laut vor!
Außerdem ist es unnötig, an jede Erwiderung ein »sagte er« oder »sagte sie« dranzuhängen. Wenn Euer Dialog gut aufgebaut ist, wird die Leserin bzw. der Leser sich darin schon zurechtfinden. Das Gleiche gilt für die diversen »rief er aus«, »beklagte er sich«, »fauchte er«, »brüllte er« — damit sollte man besser sparsam umgehen. Jeder Dialog steht in einem bestimmten Kontext, und man muss ihn nicht unnötig vollpacken.

Kommentar von Plume d’Argent:

Jede Autorin und jeder Autor gibt dem Dialog in seinem Text ein anderes Gewicht. Der Dialog inszeniert die verbale (und in gewissem Maß auch nonverbale) Interaktion zwischen zwei oder mehreren Protagonistinnen bzw. Protagonisten der Geschichte. Die Autorin bzw. der Autor trägt so nicht nur dazu bei, die Story auf lebendige Weise weiterzutreiben, sondern sagt uns auch viel über das Temperament und die Befindlichkeit der Figuren.

 

Die Inquit-Formeln

Das sind die Sätze, die in einem Dialog anzeigen, welche Figur spricht und wie sie spricht:

»Ich komme gleich wieder!«, rief Marie.
»Bist du rechtzeitig zum Abendessen zurück?«, fragte ihre Mutter.

Die Inquit-Formeln dienen dazu, die Identität der Sprecherin bzw. des Sprechers zu klären, sie können den Wortwechsel aber auch stören. Einen Tipp hört man immer wieder aus den Verlagen: Ein guter Dialog ist einer, der keine Inquit-Formeln braucht, weil die Leserin bzw. der Leser ganz von allein versteht, wer da in welchem Ton spricht. Inhalt und Zeichensetzung des Gesagten können da wertvolle Hinweise liefern.

 

Tell, don’t show (ja, ganz genau)

Um zu verstehen, worum es hier geht, muss man wissen, dass es drei Arten der Rede gibt: die direkte Rede, die indirekte Rede und die erlebte Rede (ah, die gute alte Schulzeit …).
Gut, das bringt Euch jetzt auch nicht weiter, wie? Tatsächlich aber kann es eine wichtige strategische Überlegung sein, ob Ihr lieber die eine oder die andere Dialogform wählt. Wenn zum Beispiel eine Figur einer anderen sämtliche Missgeschicke erzählen muss, die ihr auf den letzten hundert Seiten passiert sind, ist es sinnlos, sie das in direkter Rede tun zu lassen, sofern Eure Leserinnen und Leser schon über alles Bescheid wissen. Dann reicht ein schlichtes:

»Und er erzählte haarklein alles, was ihm passiert war, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten.«

Mit der direkten Rede dagegen könnt Ihr neue Informationen hervorheben.
Und was hat die erlebte Rede in all dem zu suchen? Sie ist gewissermaßen eine Mischung aus den beiden anderen. Sie ist von der Form her eine indirekte Rede, gestattet sich aber kleine Freiheiten, die eigentlich zum mündlichen Ausdruck gehören. Hier habt Ihr ein Beispiel:

»Und er erzählte haarklein alles, was ihm passiert war, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten, denn verdammt, das war hart gewesen und es musste nun mal raus

 

Die persönliche Note

Jede Figur hat eine ganz eigene Persönlichkeit und, je nach Situation, einen bestimmten Gemütszustand. Der Dialog ist dafür da, dies widerzuspiegeln. Ein kleines Mädchen drückt sich nicht aus wie ein Buchhalter, der sich wiederum nicht ausdrückt wie der alte Nachbar (das wäre überhaupt mal lustig, jedem die Sprechweise eines anderen zu verpassen – aber das bringt uns vom Thema ab).
Damit ein Dialog authentisch klingt, ist es eine gute Übung, einmal zu beobachten, wie die Leute um uns herum, zu Hause, im Bus, bei der Arbeit reden: Da gibt es die, die einen Sprachtick haben, die, die ihre Worte verschlucken, die nie ihre Sätze zu Ende bringen, nicht gerne reden oder, im Gegenteil, gar nicht mehr damit aufhören. Es ist ebenfalls sehr lehrreich, sich selbst zu beobachten, wie man mit anderen spricht – auch wenn man dabei gern mal den roten Faden verliert.
In jedem Fall sollten nicht alle Figuren in einem Dialog gleich klingen, es sei denn, Ihr wollt damit einen bestimmten Effekt erzielen. Sich genau über den Charakter, die Absichten und die aktuelle Stimmung der jeweiligen Sprecherin bzw. des jeweiligen Sprechers bewusst zu sein, wird ganz sicher einen Einfluss darauf haben, wie Ihr entsprechende Erwiderungen formuliert.
Trotzdem Vorsicht: Es ist gut, jeder Figur ein eigenes sprachliches Register zuzuweisen, aber noch besser, Stereotype zu vermeiden (das einfältige Kind, der unverschämte Teenager, die emotionale Frau).

 

Die nonverbale Kommunikation

Am Schluss dieses Co-Schreibtipps geht es um die Bedeutung all dessen, was in einem Dialog nicht gesagt wird. Schweigen drückt manchmal mehr aus als ein Satz. Bestimmte, selbst scheinbar unbedeutende Gesten können das, was eine Figur sagt, unterstreichen oder es Lügen strafen.
Daher lohnt es sich wirklich, genau zu überlegen, wie man die Dialoge in die Erzählung einbaut. Ein langer Wortwechsel wird nicht dieselbe Wirkung erzielen wie ein von Regieanweisungen unterbrochener Dialog.
Die Aneinanderreihung von Rede und Gegenrede vermittelt den Eindruck eines schnellen Schlagabtausches. Hier ein gekürztes Beispiel aus Die Verlobten des Winters:

»Es war nicht das erste Mal, dass Ihr ihm begegnet seid.«
»Nein, in der Tat. Ich hatte bereits zufällig seine Bekanntschaft gemacht.«
»Bei Eurer Eskapade in jener Nacht.«
»Ja.«
»Und er wusste die ganze Zeit, wer Ihr wart.«
»Ich habe ihn angelogen. Nicht sehr gut, das gebe ich zu. Aber er hat mich nie mit Mimo in Verbindung gebracht.«
»Ihr hättet mich darüber informieren können.«
»Zweifellos.«
»Oder hattet Ihr etwa Gründe, mir diese Begegnung zu verschweigen?«

Oder hier ein schöner Dialog unter Schwerhörigen:

»Madame, ich bin …«
»Lassen wir die Vergangenheit ruhen! Nur was kommt, zählt. Endlich werde ich Euch in die raffinierten Umgangsformen des Hofes einführen können.«
»Wartet, Madame, ich bin …«
»Denn Ihr, meine liebe Ophelia, werdet Teil meiner Entourage sein. Zieht Euch aus.«
»Hört mir zu … ich bin schon …«
»Helft ihr, Mutter, dieses Kind ist zu schamhaft.«

Füllen dagegen Regieanweisungen die Räume zwischen den Äußerungen und Erwiderungen, richtet sich das Augenmerk auf die allgemeine Stimmung und die Gedanken der Figuren sowie auf die Visualisierung der Szene:

»Ihr kennt ihn nicht«, beharrte Ophelia. Den Blick ins Leere gerichtet, schrubbte sie einen Teller. All das Geschirr ohne Handschuhe anzufassen ließ sie unwillkürlich in der Zeit zurückreisen. Sie hätte bis ins kleinste Detail alles beschreiben können, was ihr Großonkel von diesen Tellern gegessen hatte, seit er sie besaß. Professionell, wie sie war, berührte Ophelia die Dinge anderer Leute üblicherweise nie ohne ihre Handschuhe. Doch hier, in dieser Wohnung hatte der Großonkel ihr das Lesen beigebracht, und sie kannte jeden einzelnen Gegenstand darin in- und auswendig. »Dieser Mann ist nicht aus unserer Familie«, klärte sie ihn endlich auf. »Er kommt vom Pol.« Es folgte eine lange Stille, die nur vom Gluckern des Abflusses unterbrochen wurde. Ophelia wischte sich die Hände am Kleid ab und sah ihren Paten ruhig an. Er war in sich zusammengesunken, als wäre er plötzlich um zwanzig Jahre gealtert. Die Enden seines Schnurrbarts hingen herab wie Flaggen auf Halbmast. »Was ist das denn für ein Kokolores?«, stieß er tonlos hervor.

Eine Methode ist so gut wie die andere, solange sie zu dem passt, was Ihr vermitteln wollt.

 

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

 

* Sélène ist eine französische Literaturagentur. Aber was bedeutet das eigentlich? Literaturagenturen ersetzen nicht den Verlag, sondern stehen zur Beratung, Unterstützung, Anleitung und Verteidigung talentierter Autorinnen und Autoren zur Verfügung. In unserer Schreibtipps-Beitragsreihe gibt Christelle Dabos in Zusammenarbeit mit der Literaturagentur Sélène hilfreiche Ratschläge rund um das Thema Schreiben.

Plume d’Argent ist eine französische Online-Plattform, die sich Amateurautorinnen und –autoren widmet. Angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller können ihre Geschichten, Essays oder Gedichte veröffentlichen, Feedback sammeln und selbst Texte anderer Schreiberlinge kommentieren.

 

Ihr seid neugierig geworden und wollt weitere Tipps und Tricks zum Thema Schreiben von Christelle Dabos?
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Schreibtipps von Christelle Dabos #4 »
Schreibtipps von Christelle Dabos #5 »

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Hier kannst Du es bestellen:

Erschienen am 11. März 2019

Erschienen am 27. Juli 2019

Erscheint am 18. November 2019

 

Erscheint im Frühling 2020