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Schreibtipps von Christelle Dabos #2

Christelle Dabos hat Eure häufigsten Fragen rund um das Thema Schreiben beantwortet.

Hier kommt nun der zweite Teil der Beitragsreihe zum Thema Schreiben. Speziell für diejenigen unter Euch, die selbst schreiben möchten, hat Christelle Dabos im Rahmen einer Kooperation zwischen Plume d’Argent und der französischen Literaturagentur Sélène* eine ganze Reihe von Schreibtipps verfasst. Aus welchem Blickwinkel soll ich meine Geschichte erzählen? Und wer soll (und will) meine Geschichte dann überhaupt lesen? Diesen und noch einigen anderen Fragen will die Autorin von »Die Spiegelreisende« hier mit Euch nachgehen – hier nun also Beitrag Nummer 2.

 

 

Deine Leserinnen und Leser bestimmen

 Sélènes Rat:

Wer werden Eure Leserinnen und Leser sein? Ihr solltet Euer Zielpublikum kennen, noch ehe Ihr den ersten Satz zu Papier bringt. Übrigens, selbst wenn Bücher für Jugendliche und junge Erwachsene gerade äußerst beliebt sind, ist auch Literatur für Acht- bis Dreizehnjährige sehr gefragt. Es ist ein schönes Vorhaben, etwas für die Jüngeren zu schreiben, und entgegen der allgemeinen Vorstellung bedeutet das weder, dass man dafür eine simplere Sprache gebrauchen noch einfachere Geschichten erzählen muss. Es ist nicht nötig, die kleinen Leser intellektuell zu schonen. Wichtig ist, sie zu begeistern!

 Kommentar von Plume d’Argent:

Man kann auch nur für sich schreiben, aber sobald eine Autorin oder ein Autor eine Veröffentlichung (egal, ob gedruckt oder digital) in Betracht zieht, haben wir es mit einer Vermittlungssituation zu tun: Sender, Botschaft, Empfänger. Es ist vielleicht nicht ganz so offensichtlich, sich die Frage nach dem »Zielpublikum« zu stellen, aber natürlich schreiben wir nicht auf die gleiche Art und Weise, je nachdem, ob wir ein Kinderbuch, ein Jugendbuch oder einen Roman für Erwachsene verfassen wollen.

Etwas kniffliger wird es, sobald man versucht, die fließenden Grenzen zwischen Literatur für Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene zu bestimmen. Die Fachleute der Buchbranche können sich übrigens oft selbst nicht darauf einigen, in welche Kategorie sie einen Roman stecken sollen. Und unter uns Autorinnen und Autoren: Manch eine und einer von uns hat Young Adult geschrieben, ohne es zu wollen, während andere dachten, sie hätten es getan, aber nein, von wegen! Das kann vom Wortschatz abhängen, von den Dialogen, der Art, wie man die Geschichte strukturiert und erzählt, oder von der oder den Botschaften, die das Buch vermittelt.

Es gibt auch generationenübergreifende Werke, die man auf verschiedenen Ebenen lesen kann und die für ein extrem breites Publikum geeignet sind. Egal welchen Leserinnen- bzw. Leser-Typus eine Autorin oder ein Autor anvisiert, wir empfehlen ihnen, sich die drei folgenden Fragen hinsichtlich der »Übermittlung« zu stellen:

 

Werden die Leserinnen und Leser meine Geschichte verstehen?

Ganz gleich, ob der Schreibstil populär, alltagssprachlich oder gehoben ist, die Lesenden müssen erfassen, worum es in der Geschichte geht, sowie die Handlungen und, zumindest bis zu einem gewissen Grad, die Beweggründe der Figuren verstehen. Dass eine Leserin bzw. ein Leser sich Fragen zu einem Buch stellt, ist gut, aber sie/er sollte im Text auch Antworten darauf finden. Es muss sich ihr/ihm erschließen, wer in einem Dialog was sagt, wer in einer Szene was tut – und warum. Wenn Eure Geschichte viele Informationen enthält, versucht sie nach und nach einfließen zu lassen, die Details Stück für Stück preiszugeben, nicht alle auf einmal.

 

Werden die Leserinnen und Leser meine Geschichte glauben?

Hier geht es um die Fähigkeit, das, was wir uns ausgedacht haben, wahr erscheinen zu lassen. Eine Autorin kann unmögliche Welten erschaffen, Fantasiefiguren zum Leben erwecken und den Lesenden trotzdem ganz authentische Gefühle vermitteln. Doch bei der geringsten Ungereimtheit zerplatzt die Seifenblase und die Leserinnen und Leser steigen aus. Wenn Ihr einer Figur einen bestimmten Charakter gebt, dann müssen ihre Entscheidungen ihrem Wesen entsprechen. Ihre Handlungen und Reaktionen müssen zu den Ereignissen und den anderen Personen passen. Und wenn Ihr zu Beginn eine bestimmte Tatsache behauptet, solltet Ihr Euch später nicht widersprechen. Eine Geschichte ist nicht glaubwürdig, weil sie realistisch ist, sondern weil sie in sich stimmig ist. Auch absurde Welten haben ihre eigene Logik, die dafür sorgt, dass etwas zwar vielleicht unmöglich oder verrückt ist, aber man es dennoch glaubt.

 

Wird meine Geschichte die Leserinnen und Leser fesseln?

Das ist im Grunde etwas, das sich jede Autorin und jeder Autor wünscht. Leider ist es sehr schwer zu bestimmen, was dafür sorgt, dass eine Leserin oder ein Leser Lust hat oder eben nicht, die nächste Seite umzublättern. Das ist zum Teil eine sehr subjektive Angelegenheit: Was die einen total anspricht, sagt den anderen gar nichts. Jedenfalls sollte man eine Geschichte vielleicht nicht bloß mit dem Ziel schreiben, dass sie besonders verkäuflich wird. Dann würde man nur noch für das Publikum schreiben und gar nicht mehr für sich und wäre schnell versucht, Details einzubauen, die man schon x-mal woanders gesehen hat, weil sie da erfolgreich waren. Man würde sozusagen eine Botschaft erschaffen, die weder wahre Empfängerinnen und Empfänger noch eine echte Absenderin bzw. einen echten Absender hat. Damit die Begegnung zwischen den Schreibenden und den Lesenden wirklich stattfindet, ist Aufrichtigkeit ungeheuer wichtig.
Legt Eure Gefühle, Eure Gedanken, Eure Menschlichkeit in das, was Ihr schreibt, ganz gleich ob direkt oder in symbolischer Form. Je näher Ihr den universellen Fragen kommt, desto eher werden sich Eure Leserinnen und Leser in dem, was Ihr schreibt, wiederfinden. Die Sehnsucht, geliebt zu werden, die Angst, verlassen zu werden, der Wunsch, seinen Platz im Leben zu finden: Das alles sind Themen, um die es in Bilderbüchern genauso geht wie in Romanen für Erwachsene.

 

 

Eine Perspektive wählen

 Sélènes Rat:

Das ist einer der häufigsten Fehler: Wenn Ihr Euch für einen einzigen Blickwinkel entschieden habt (den eurer Heldin bzw. eures Helden), müsst Ihr vor allem darauf achten, dass Ihr auch dabei bleibt. Man kann nicht plötzlich die Geschichte durch die Augen einer der Nebenfiguren wahrnehmen, und auch nicht durch ihre Bemerkungen oder ihr Urteil.

Wenn Ihr dagegen mehrere Perspektiven habt, seid wachsam. Euer Publikum muss dann in der Lage sein, sehr schnell zu erkennen, durch wessen Augen es die Geschichte gerade sieht. Das Kapitel sollte mit dem Vornamen oder Namen der Figur beginnen oder die Szene, die sich gerade abspielt, keinen Zweifel zulassen.

Ansonsten, wenn Ihr gerade den Blickwinkel von Figur A eingenommen habt, wechselt nicht zu Person B, ohne es den Leserinnen und Lesern zu vermitteln.

Kommentar von Plume d’Argent:

Die Erzählperspektive ist für die Schreibenden das, was die Kamera für Filmschaffende ist: Sie bestimmt, aus welchem Blickwinkel die Geschichte erzählt wird. Daher werdet Ihr verstehen, dass Eure Entscheidung die Sicht auf die Geschichte völlig verändern kann. Es gibt verschiedene Blickwinkel, und einer ist nicht unbedingt besser als der andere. Ihr müsst nur herausfinden, welcher für Euren Text der geeignetste ist.

 

Die allwissende Erzählperspektive

Man redet von einer allwissenden oder auktorialen Erzählperspektive, wenn der Erzähler der Geschichte absolut alles über jede der Figuren weiß: Er kennt ihre intimsten Gedanken, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, weiß, was jede für sich tut, auch wenn die Personen Tausende Kilometer voneinander entfernt sind. Euer Erzähler ist Gott. In dieser Art von Geschichte gleitet man oft übergangslos von der Perspektive einer Figur in die einer anderen, als könnte man ganz einfach von einem Kopf in den anderen schlüpfen. Die Leserin oder der Leser kann sogar Dinge erfahren, von denen sämtliche Figuren der Geschichte keine Ahnung haben!

Die auktoriale Erzählperspektive ist besonders dann interessant, wenn Ihr als Autorinnen oder Autoren zum Bespiel möglichst umfassende Charakterstudien liefern oder eine Welt bis ins kleinste Zahnrädchen darstellen wollt. Wenn Ihr dagegen Geschichten liebt, in denen Geheimnisse, Grauzonen oder Spannung eine wichtige Rolle spielen, solltet Ihr die Finger davon lassen. Egal, was eure Beweggründe sind, geht bewusst mit Eurer »Kamera« um. Wenn Ihr von einer subjektiven Perspektive in die andere wechselt, ohne es Euch überlegt zu haben, ja vielleicht sogar, ohne es zu merken, wird das den Leserinnen und Lesern auffallen.

 

Die Außenperspektive

Die Außenperspektive kann unbeteiligt oder beteiligt sein.
Die unbeteiligte Außenperspektive ist das Gegenteil der allwissenden Erzählperspektive. Der Erzähler bleibt hier ein nicht in die Geschichte verwickelter Zeuge (er ist keiner der Protagonisten) und obendrein weiß er nur, was ihm gezeigt wird. Mit diesem Fokus ist es, als würden Eure Leserinnen und Leser die Geschichte als Film sehen, ohne Stimme aus dem Off, die sagen könnte, was sich im Kopf oder im Herz der Figuren abspielt. Ihr als Autorinnen bzw. Autoren beschränkt euch darauf, die Handlungen und Dialoge wiederzugeben, ohne persönliches Urteil. Ihr könnt allerhöchstens, wie mit dem Objektiv einer Kamera, die Aufmerksamkeit auf einen Gesichtsausdruck lenken, auf eine zweideutige Geste, ein wichtiges Detail. Diese Erzählhaltung ist interessant, wenn Ihr völlige Neutralität wahren wollt, wenn die Handlung und die dargestellten Fakten wichtiger sind als das Seelenleben der Figuren.
Was die beteiligte Außenperspektive angeht, so ist der Ansatz derselbe wie oben, mit dem Unterschied, dass Euer Erzähler greifbarer wird und sich persönliche Kommentare gestattet. Er kennt die intimen Gedanken und Gefühle Eurer Figuren immer noch nicht, er selbst ist immer noch kein Protagonist der Geschichte, aber er berichtet sie mit einer persönlichen Note. Ein bisschen wie der äußerst pessimistische Erzähler in Lemony Snickets Die schaurige Geschichte von Violet, Sunny und Klaus.

 

Die Innenperspektive

Bei der Innenperspektive schlüpfen Eure Leserinnen und Leser direkt in die Haut der Figur. Wir sehen nur, was Eure Heldin bzw. Euer Held sieht, wir hören nur, was er oder sie hört, wir folgen ihren Überlegungen und erleben seine Gefühle. Kurz, wir nehmen die Geschichte so wahr wie die Heldenfigur. Zwar ist die Innenperspektive typisch für Texte, die in der ersten Person (»ich«) geschrieben sind, aber man kann sie durchaus auch in solchen finden, die in der dritten Person geschrieben sind. Wie zum Beispiel in J. K. Rowlings Harry-Potter-Bänden. Man kann diese Sichtweise auch wählen, um Überraschungseffekte zu erzielen. Tatsächlich hindert die Innenperspektive Eure Figur nicht daran, den Lesenden Informationen vorzuenthalten, sich selbst zu belügen, oder in ihrer subjektiven Sicht der Dinge gefangen zu sein. Diese blinden Flecken liefern lauter interessante Denkanstöße. Der Gebrauch einer einzigen Innenperspektive ist besonders nützlich, wenn Eure Geschichte viele Geheimnisse enthält, die Eure Heldin oder Euer Held ergründen muss. So entdecken die Leserinnen und Leser alles mit ihm zusammen.

Ein Roman kann ebenso gut aus der Perspektive einer einzigen Figur geschrieben sein wie aus den Perspektiven mehrerer Figuren, ohne dass es deswegen eine allwissende Perspektive sein muss. Die Lesenden wissen nur das, was die Figuren selbst wissen. Wenn sich Eure Handlung gleichzeitig an verschiedenen Orten abspielt und Ihr an die Grenzen einer einzigen personalen Perspektive stoßt, ist es sinnvoll, mehrere davon zu verwenden. Achtet nur darauf, Eure Leserinnen und Leser nicht durcheinanderzubringen, indem Ihr in derselben Szene von einer Person zur nächsten wechselt, und vermeidet unnötige Wiederholungen zwischen dem, was die Figuren denken, und dem, was sie sagen.

 

Welche Perspektive soll man wählen?

Denkt darüber nach, was Ihr hervorheben wollt und was im Schatten bleiben soll, dann wählt den entsprechenden Kamerawinkel. Egal wofür Ihr Euch entscheidet, behaltet es beim Schreiben die ganze Zeit über im Kopf.

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

 

* Sélène ist eine französische Literaturagentur. Aber was bedeutet das eigentlich? Literaturagenturen ersetzen nicht den Verlag, sondern stehen zur Beratung, Unterstützung, Anleitung und Verteidigung talentierter Autorinnen und Autoren zur Verfügung. In unserer Schreibtipps-Beitragsreihe gibt Christelle Dabos in Zusammenarbeit mit der Literaturagentur Sélène hilfreiche Ratschläge rund um das Thema Schreiben.
Plume d’Argent ist eine französische Online-Plattform, die sich Amateurautorinnen und –autoren widmet. Angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller können ihre Geschichten, Essays oder Gedichte veröffentlichen, Feedback sammeln und selbst Texte anderer Schreiberlinge kommentieren.

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Erschienen am 11. März 2019

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