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Schreibtipps von Christelle Dabos #1

Christelle Dabos hat Eure häufigsten Fragen rund um das Thema Schreiben beantwortet.

Liebe Leserinnen und Leser, hier kommt nun eine Beitragsreihe speziell für die unter Euch, die selbst schreiben möchten. Ihr stellt mir oft Fragen à la Wie beginne ich am besten meinen Roman? Wie finde ich eine gute Idee für eine Geschichte? Wie kann ich meine Figuren entwickeln? Wie schaffe ich es, nicht nach drei Seiten wieder aufzuhören? All das habe ich mich selbst auch schon oft gefragt. Es gibt keine Gebrauchsanleitung fürs Romanschreiben (was an sich schon mal eine gute Nachricht ist), aber das heißt nicht, dass es dazu nicht einiges zu sagen gäbe.

Wie Ihr wisst – und wenn nicht, dann wisst Ihr es jetzt – bin ich Mitglied der Autorenplattform Plume d’Argent (auf Deutsch: silberne Feder). Im Rahmen einer Kooperation zwischen Plume d’Argent und der französischen Literaturagentur Sélène* habe ich eine ganze Reihe von Schreibtipps verfasst. Ich glaube, die decken die grundlegenden Überlegungen dazu, wie man einen Roman konstruiert, ganz gut ab. Ich teile sie hier mit Euch und hoffe, dass sie Euch weiterhelfen.

 

 

Eine Marschroute haben

 Sélènes Rat:

Ihr müsst unbedingt das Ende Eurer Geschichte und ihren groben Verlauf kennen. Man kann unterwegs Ideen hinzufügen oder streichen, aber Ihr müsst einen Entwurf im Kopf haben. Man merkt es beim Lesen, wenn jemand einfach nur drauflos geschrieben und erst am Schluss seinen roten Faden gefunden hat.

Kommentar von Plume d’Argent:

Sehr viele von uns haben schon mal mit dem Schreiben einer Geschichte begonnen, ohne einen Plan zu haben oder deren Ausgang zu kennen. Der französische Autor Jean-Claude Mourlevat sagt selbst sehr poetisch, er schreibe »mit der Laterne in der Hand«, weil er von seiner Erzählung immer nur die nächste Etappe sieht, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wie die Handlung weitergehen oder enden wird.

Wenn Ihr zu der Sorte der Schreibenden gehört, die nur beim Improvisieren so richtig aufblühen, und wenn Ihr darin obendrein noch brillant seid, dann sagt Euch dieser Rat sicher nicht viel. Aber wenn Eure Texte gespickt sind mit an den Haaren herbeigezogenen Enthüllungen, unstimmigen Fakten, Details, die nie mehr eine Rolle spielen, zerfaserten oder sich wiederholenden Aktionen, Überraschungscoups, die es wieder richten müssen, wenn Ihr zu lang und dann doch nicht ganz so genial abgeschweift seid, dann solltet Ihr euch die folgenden Denkanstöße mal ansehen.

 

Was ist meine Haupthandlung?

Die Haupthandlung ist Euer roter Faden. Sie ist in gewisser Weise das »Ziel« Eurer Heldinnen und Helden – bei denen es sich übrigens auch um Antiheldinnen und -helden oder eine Gruppe dieser Figuren handeln kann. Das erwähnte Ziel kann aus ihnen selbst kommen oder ihnen von äußeren Umständen auferlegt werden. Eine Meerjungfrau möchte Mensch werden. Esteban, Zia und Tao suchen die geheimnisvollen Städte des Goldes. Adlige kämpfen um einen eisernen Thron. Emma Bovary kämpft gegen die Langeweile. Shrek möchte seinen Sumpf wieder für sich allein haben.

Die Haupthandlung kann sich auch in mehrere Stränge aufteilen (Suche, Ermittlung, Liebe, Rache, Rettung, Flucht etc.), die ihrerseits wieder aus verschiedenen untergeordneten, an eine oder mehrere Figuren geknüpften Konflikten bestehen können. Auf die eine oder andere Weise, direkt oder indirekt, laufen die Handlungsstränge schließlich zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Das Wichtigste, um den Faden nicht zu verlieren, ist, dass sie immer eine Verbindung zur Haupthandlung haben.

 

Wie soll meine Geschichte ausgehen?

Wird Eure Heldin, Euer Held oder Eure Gruppe von Antiheldinnen und –helden das Ziel erreichen? Wenn Ihr auf diese Frage antworten könnt, dann kennt Ihr schon den Ausgang Eurer Geschichte, ganz egal, wie er sich dann konkret gestalten wird.
• Ja, sie werden ihr Ziel erreichen, und alle sind glücklich und zufrieden.
• Ja, sie werden ihr Ziel erreichen, aber dafür mussten sie etwas opfern oder es wird ihnen wird bewusst, dass sie sich von Anfang an im Ziel getäuscht haben.
• Nein, sie erreichen ihr Ziel nicht, weil sie scheitern oder selbst darauf verzichten, aber sie erkennen, dass es eigentlich besser so ist.
• Nein, sie werden ihr Ziel nie erreichen und  damit müssen sie leben (oder nicht leben).

Jede dieser Antworten vermittelt Euren Leserinnen und Lesern eine ganz bestimmte Botschaft, und sie zu kennen (noch mal: ohne zwingend vorher zu wissen, in welcher Form sie Gestalt annehmen wird), kann beeinflussen, wie Ihr Eure Geschichte schreibt.

Und wenn Ihr darauf wirklich keine Antwort habt, dann behaltet zumindest die Frage im Kopf, Kapitel für Kapitel, Band für Band: Wird meine Heldin, mein Held oder werden meine Heldinnen und Helden ihr Ziel erreichen? So bleibt es spannend.

 

Welche Widerstände gibt es?

Die Widerstände sind alles, was sich Euren (Anti-)Heldinnen und Helden bei dem Versuch, ihr Ziel zu erreichen, von Anfang bis Ende in den Weg stellt. Sie können äußerlich sein (die Gegenspielerinnen und -spieler, die Rivalinnen und Rivalen, die Naturkatastrophe), innerlich (Blockaden, Ängste, Zweifel, Missverständnisse) oder beides zusammen. Je größer diese widrigen Kräfte sind, desto dramatischer wird Eure Geschichte.

 

Muss ich einen Plan machen, bevor ich anfange zu schreiben?

Es gibt nicht nur eine einzige richtige Methode, jede Autorin und jeder Autor entwickelt im Lauf der Zeit und mit zunehmender Erfahrung ihre bzw. seine eigene. Niemand ist verpflichtet, einen Plan zu machen: Stephen King zum Beispiel hat das nie getan, damit noch Platz für unerwartete Wendungen bleibt. Es ist auch wichtig, Dinge offen und sich selbst einen gewissen Spielraum zu lassen: Schreiben hat seine eigene Dynamik, und viele unserer besten Ideen entstehen spontan.

Wenn Ihr eine Orientierungshilfe braucht, könnt Ihr einfach die groben Eckpunkte abstecken. Ob mithilfe von spezialisierten Programmen (zum Beispiel Scrivener, Aeon timeline) oder einem einfachen Whiteboard und Ihr schreibt jede Station der Erzählung in eine Notiz oder auf ein Post-it: Alles, was die Haupthandlung betrifft, bekommt eine Farbe, jede Nebenhandlung eine andere, die Orte wieder eine andere, und so weiter. So zerlegt Ihr Eure Haupthandlung in einzelne Teile und könnt zum Beispiel beschließen, ein Element etwas früher einzufügen, ein anderes vielleicht nach hinten zu verlegen, etc. Im Grunde ist das sogar etwas, das Ihr im Nachhinein noch tun könnt, wenn Ihr die Rohfassung Eures Romans geschrieben habt. Dadurch bekommt Ihr einen Überblick darüber, wie Ihr die Informationen, die Wendepunkte und Aktionen verteilt habt. Würde dieses Detail nicht interessanter werden, wenn man es später erst einführte? Gibt es hier nicht zu viele Verwicklungen, während es da ein bisschen an Spannung fehlt? Diese Fragen können Euch beim Überarbeiten helfen.

 

Und hier ein Beispiel für erzählerische Stationen (einen herzlichen Dank an Shrek, der sich als Freiwilliger zur Verfügung gestellt hat, um sie zu veranschaulichen):

  • Ausgangssituation
    Shrek ist ein Oger, der allein und ungestört in seinem Sumpf lebt.
  • Der Auslöser
    Von Lord Farquaad vertriebene Fabelwesen besiedeln seinen Sumpf.
  • Einführung des Widerstands/Grundkonfliktes (innerer, äußerer)
    Lord Farquaad ist ein Tyrann, dessen Grausamkeiten sich negativ auf Shreks Leben auswirken.
  • Das Ziel des Helden (oder Antihelden)
    Shrek will in seinem Sumpf wieder allein und ungestört sein.
  • Der Plan des Helden (oder Antihelden)
    Shrek zieht los, um für Lord Farquaad die Prinzessin Fiona aus der Gewalt eines Drachen zu befreien; im Gegenzug dafür soll sein Sumpf geräumt werden.
  • Der Verbündete (oder der falsche Verbündete)
    Der sprechende Esel lässt sich während Shreks Suche nicht abschütteln.
  • Der erste Höhepunkt
    Shrek befreit Fiona aus der Gewalt des Drachen.
  • Enthüllung eines neuen Konfliktes (innerer, äußerer)
    Shrek hat Angst, zurückgewiesen zu werden: Er ringt mit seinen Gefühlen für Fiona – und den Esel.
  • Der Überraschungscoup
    Tatsächlich verwandelt sich die Prinzessin nach Sonnenuntergang selbst in einen Oger und hat die gleiche Befürchtung wie Shrek. Nur der Esel weiß davon.
  • Der Wendepunkt
    Shrek denkt, dass Fiona ihn, als sie mit dem Esel redet, hinter seinem Rücken als Monster bezeichnet. Er war kurz davor, ihr seine Gefühle zu eröffnen, überlegt es sich nun jedoch anders.
  • Die (Nicht-)Rückkehr zur Ausgangssituation oder die scheinbare Niederlage
    Shrek übergibt Fiona Lord Farquaad, streitet sich mit dem Esel und geht zurück in seinen Sumpf, wo er wieder allein und ungestört, aber nicht mehr glücklich ist.
  • Der Entschluss
    Dank des Esels begreift Shrek, dass er nicht mehr allein und ungestört in seinem Sumpf leben will. Sein Abenteuer hat ihn verändert.
  • Die finale Konfrontation
    Shrek stellt sich Lord Farquaad und seiner eigenen Angst vor einer Zurückweisung, indem er Fiona mitten in der Trauungszeremonie seine Liebe gesteht.
  • Der abschließende Höhepunkt
    Die Spannung ist maximal. Lord Farquaad hat eine übermächtige Armee, die versucht, Shrek und Fiona zu trennen.
  • Die Auflösung
    Der Drache frisst Lord Farquaad, und Shrek kehrt mit Fiona in seinen Sumpf zurück. Und mit dem Esel. Nicht alles auf einmal.
  • Das neue Gleichgewicht
    Kein Lord Farquaad mehr, keine Tyrannei mehr. Shrek hat die Welt verändert, indem er sich selbst geändert hat.
  • Die Moral von der Geschicht
    Geht euch Shrek angucken.

(Achtung, diese Etappen werden hier nur beispielhaft genannt, um Denkanstöße zu geben. Jeder Autorin und jedem Autor ist es überlassen, sie sich selbst anzueignen, sie zu hinterfragen, zu verändern, in eine andere Reihenfolge zu bringen oder neue hinzuzufügen, und so weiter. Ein auslösendes Moment kann zum Beispiel auch erst mitten in der Geschichte enthüllt werden.)

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

 

* Sélène ist eine französische Literaturagentur. Aber was bedeutet das eigentlich? Literaturagenturen ersetzen nicht den Verlag, sondern stehen zur Beratung, Unterstützung, Anleitung und Verteidigung talentierter Autorinnen und Autoren zur Verfügung. In unserer Schreibtipps-Beitragsreihe gibt Christelle Dabos in Zusammenarbeit mit der Literaturagentur Sélène hilfreiche Ratschläge rund um das Thema Schreiben.
Plume d’Argent ist eine französische Online-Plattform, die sich Amateurautorinnen und –autoren widmet. Angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller können ihre Geschichten, Essays oder Gedichte veröffentlichen, Feedback sammeln und selbst Texte anderer Schreiberlinge kommentieren.

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Erschienen am 11. März 2019

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