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FAQ #4

Christelle Dabos hat Eure häufigsten Fragen beantwortet.

Hier nun die zunächst letzte Fragerunde für dieses Jahr, in der es ums SCHREIBEN gehen wird! Es gibt unter Euch zahlreiche angehende Autoren, und ich bekomme eine solche Menge Fragen zu diesem Thema, dass ich versucht habe, so viele wie möglich davon auszuwählen und hier zu beantworten. Wenn Ihr die gewünschte Antwort trotzdem nicht findet, sagt mir Bescheid, dann komme ich bei einer späteren Gelegenheit darauf zurück!

 

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?
Wenn ich eins festgestellt habe, dann, dass die Vorstellungskraft ein bisschen wie ein Muskel funktioniert. Als ich gerade erst anfing zu schreiben, vor Urzeiten, da habe ich vor allem andere nachgeahmt. Ich habe die Elemente, die mich an diesem oder jenem Werk besonders beeindruckt hatten, beinahe identisch reproduziert: gewisse Figurentypen, dramaturgische Triebfedern, symbolische Schauplätze, besondere Stimmungen (auf Beerdigungen muss es immer regnen, nicht wahr?). So erzeugt man Klischees, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Die Fantasie entwickelt sich, wenn man versucht, sich davon ein wenig zu lösen. Ich habe keine Ahnung, wie andere Autoren es machen, und ich habe selbst auch noch viel zu lernen, aber bei mir funktioniert es ganz gut, indem ich Dinge vermische. Ich bringe gerne Vorstellungen, Orte, Charaktere zusammen, die zunächst einmal gar nichts miteinander zu tun haben. Ich glaube auch, dass eigene Erfahrungen eine zentrale Rolle bei der Ideenfindung spielen. Nehmt Euch doch nur einmal die Zeit, Euch auf der Straße umzusehen. Warum muss Eure Romanfigur unbedingt ein Filmschauspieler sein? Warum nicht zum Beispiel der Passant, dem Ihr gerade zufällig begegnet seid? Oder wenn Ihr ein bestimmtes Objekt seht, was assoziiert Ihr damit, und was würde geschehen, wenn Ihr es in einen ganz anderen Kontext stellen würdet? Und dann haben wir alle, denke ich, unsere ganz persönlichen Symbole, unsere eigenen Lieblingsthemen: Die sind wirklich das ideale Rohmaterial, um ein Buch zu schreiben, das vielleicht nicht originell, aber jedenfalls persönlich und damit einzigartig ist. Schließlich gibt es noch das Problem der Ideen, die man schlichtweg nicht findet. Das berühmte Syndrom der weißen Seite. Ich habe manchmal eine zu vage Vorstellung davon, was ich schreiben möchte, und kriege das, was mir fehlt, um weiterzukommen, einfach nicht zu fassen. In diesem Fall beschäftige ich mich erst mal mit etwas ganz anderem: spazieren gehen, aufräumen, Zeichentrickfilme anschauen oder auch einfach schlafen, denn Müdigkeit lähmt die Produktivität. Und wenn das nicht genügt, um mein Hirn in Gang zu bringen, dann … na ja, dann rede ich mit mir selbst, während ich in meinem Wohnzimmer herumtigere. Ich mache ein Auto-Brainstorming, indem ich laut meinen roten Gedankenfaden abspule (mein Herzallerliebster kennt das schon, aber die Katze ist immer etwas verstört). Sobald ich merke, dass ich etwas habe, notiere ich es, schwupps, in ein Heft, und setze den Dialog mit mir selbst fort. Diese Methode wirkt bei mir Wunder.

Können Sie vom Schreiben leben?
Ursprünglich hatte ich nicht geplant, Schriftstellerin zu werden. Ich habe nichts Entsprechendes studiert, hatte die Verlage gar nicht im Blick und bin nur auf der anderen Seite des Zauns gelandet, weil ich, ermutigt durch mein Umfeld, an einem Wettbewerb von Gallimard Jeunesse teilgenommen habe. Ich war also nicht besonders gut informiert über alles, was damit zusammenhängt, informiert, sondern habe es nach und nach erfahren und lerne immer noch weiter. Mein Roman wurde im Juni 2013 veröffentlicht, und ich erhalte einmal pro Jahr meine Autorentantiemen. Die erste Überweisung kam im Januar 2015, nur damit Ihr wisst, dass ich diesbezüglich noch nicht viel Erfahrung habe. Ich bekomme 6% der Einnahmen von Band 1, 7% der Einnahmen von Band 2 und 5% für E-Book- oder Taschenbuchausgaben. Vor der Veröffentlichung von Band 2 hieß es, die Verkaufszahlen seien hervorragend. Was ich in den Jahren 2015 und 2016 bekommen habe, entsprach dem monatlichen Mindestlohn. Das kommt Euch wenig vor? Es ist aber außergewöhnlich viel für einen ersten Jugendroman. Das Erscheinen von Band 2 hat die Zahlen für 2017 dann in die Höhe schnellen lassen, aber ich habe keinerlei Garantie für 2018. Bis dahin verkaufen sich die ersten beiden Bände vielleicht schon nicht mehr, und die Tantiemen für Band 3 bekomme ich erst 2019. Derzeit kann ich also nicht mal ein Jahr im Voraus sagen, was mich erwartet. Die meisten Jugendbuchautoren (Young Adult eingeschlossen), brauchen einen bezahlten Job neben ihrer Arbeit als Schriftsteller, denn sie können schlichtweg nicht darauf hoffen, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei ist das schon ein Vollzeitjob! Die Charte des Auteurs et des Illustrateurs Jeunesse (Verband der Jugendbuchautoren und –illustratoren) setzt sich für eine Erhöhung der Autorenhonorare und eine gerechtere Entlohnung, vor allem im Vergleich zu den Autoren von Erwachsenenliteratur, ein.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Ich erinnere mich an eine Zeit, bevor meine Romane veröffentlicht wurden, in der ich entsetzlich empfindlich war. Ich nahm die kleinste schiefe Bemerkung zu einem meiner Texte sofort persönlich und machte dicht. Ich denke, dass ich durch diese Haltung viele Gelegenheiten, mich weiterzuentwickeln, verpasst habe. Ich musste erst lernen, mein deplatziertes Ego niederzureißen und Kritik anzunehmen. Nicht nur, sie anzunehmen, sondern sie zu verstehen und umzusetzen. Erst von da an konnte mein Schreiben endlich reifen. Seit meine Romane verlegt werden, bekomme ich jeden Tag Leserkommentare! Positive Kritiken sind natürlich sehr befriedigend, und es ist immer interessant zu sehen, welcher Aspekt der Geschichte den Leser am stärksten beeindruckt hat und welche Fragen ihn beschäftigen. Sehr euphorische Kritik erzeugt auch einen gewissen Druck: Ich möchte dann so gerne diese ganzen Erwartungen erfüllen, weiß aber zugleich, dass es unmöglich ist. Negative Kritiken bekomme ich seltener. Das heißt nicht, dass allen Leuten gefällt, was ich schreibe, aber diejenigen, die es nicht so mögen, nehmen eher keinen Kontakt auf. Trotzdem kann es passieren, dass ich oder mein Freund auf etwas verhaltenere Reaktionen von Lesern, Bloggern oder Booktubern stoßen. Wie empfinde ich solche Kritiken? Negative Einschätzungen zwicken das Ego zuerst immer, aber sie sind es auch, die einem ermöglichen, Fortschritte zu machen. Natürlich nur, wenn sie konstruktiv sind. Angesichts von Bemerkungen wie »hat mir nicht gefallen«, »ich fand’s öde« oder »die Heldin ist einfach panne« bin ich ratlos. Von ihnen kann ich nichts lernen, nicht ableiten, woran es meinem Text oder meiner Figur gefehlt hat. Das Internet erlaubt jedem, sich zum Kritiker aufzuschwingen, aber man findet nicht so häufig Kommentare, die über ein subjektives Empfinden hinausgehen, das Urteil nicht nur auf eine reißerische Formel reduzieren, sondern sich wirklich um eine ausgewogene und begründete Analyse bemühen. Aber jedes Mal, wenn ich die Gelegenheit – das Glück – hatte, so einen zu bekommen, hat mir das wirklich geholfen, mich als Autorin weiterzuentwickeln!

Wie lange brauchen Sie für einen Band?
Den ersten Band der Spiegelreisenden-Saga habe ich in sechs Monaten geschrieben. Dann habe ich ihn ein Jahr lang komplett überarbeitet. Anschließend brauchte ich noch mehrere Monate für die Redaktions- und Korrekturdurchläufe mit dem Verlag Gallimard Jeunesse. Ihr seht: Das ist bei mir ein eher langwieriger und nicht immer ganz geradliniger Prozess. Manchmal habe ich so richtig Rückenwind und klimpere auf meiner Tastatur fröhlich ein Kapitel nach dem anderen herunter! Dann wieder ist es beschwerlich wie eine Wüstendurchquerung, bei der ich mir jeden Satz tröpfchenweise abringe, eine einzige Szene immer wieder und wieder umschreibe und das Gefühl habe, ich stochere völlig im Nebel. Die eigene Gemütsverfassung spielt dabei eine Riesenrolle. Ich habe viel länger gebraucht, um den zweiten Band fertigzubekommen, weil ich da zum ersten Mal als bereits veröffentlichte Autorin geschrieben habe. Ich habe mich selbst so schrecklich unter Druck gesetzt, dass ich völlig blockiert war. Um diese Blockade zu lösen, musste ich lernen, ganz in meinen Text einzutauchen und zumindest für eine Weile die Außenwelt und die Erwartungen der Leser auszublenden. Manche Autoren sind in der Lage, in drei bis sechs Monaten ein Buch zu schreiben, das man direkt veröffentlichen kann. Dazu gehöre ich nicht! Aber, um ehrlich zu sein, ein Teil von mir mag Langsamkeit. Ich nehme mir gerne die Zeit, mich in eine bestimmte Situation und Umgebung zu versetzen, mir jede Szene bis ins kleinste Detail vorzustellen und sie Schicht um Schicht zu Papier zu bringen, wie ein Gemälde auf die Leinwand. Diese Methode hat nur eine Kehrseite: Ich verliere manchmal den Handlungsfaden aus den Augen!

Warum schreiben Sie aus der Perspektive einer einzigen Figur?
Die Frage nach der Erzählperspektive beim Schreiben unterscheidet sich nicht so sehr von der nach der Kameraperspektive im Film. Sie bestimmt darüber, was man dem Leser zeigt oder nicht zeigt. Im Fall der Spiegelreisenden erschien es mir wichtig, dass der Leser möglichst nah an Ophelia dran ist, dass er zugleich mit ihr die Ereignisse erlebt und Geheimnisse enthüllt. Hätte ich Thorns Perspektive eingenommen, dann hätte er jene verborgene Seite verloren, die ihn in Ophelias Augen so zwiespältig erscheinen lässt. Man hat mich auch schon darauf hingewiesen, dass ich die anderen Figuren ausführlicher beschreibe als Ophelia selbst: Das ist von mir genau so beabsichtigt! Ich versuche ganz und gar in ihre Haut zu schlüpfen, und sie nimmt ihr Äußeres natürlich nur wahr, wenn sie ihr Spiegelbild sieht. Doch ich komme langsam an die Grenzen dieser Erzähltechnik. Je komplexer der Plot wird, je mehr Handlungsorte es gibt, desto eingeschränkter fühle ich mich in der Perspektive einer einzigen Figur. Darum suche ich manchmal nach einem neuen Blickwinkel, indem ich eine zweite Erzählebene einführe (wie zum Beispiel die berühmten »Fragmente« des zweiten Bandes).

Hören Sie beim Schreiben Musik?
Musik beeinflusst die Stimmung: Manche Stücke bringen einen so richtig in Schwung, andere machen einen eher melancholisch. Für mich ist das eine große Hilfe beim Schreiben. Ich habe mir thematische Playlists zusammengestellt: »spannungsgeladene Atmosphäre«, »Geheimnis und Erkundung«, »komische Situationen», »epische Gänsehaut«, und so weiter. Je nachdem, was für eine Szene ich schreiben will, brauche ich nur die Playlist zu starten, und hopp, komme ich in die richtige Stimmung! Ich höre allerdings praktisch nur Instrumentalmusik, denn wenn ich einen Liedtext im Ohr hätte, könnte ich mich nicht auf meinen eigenen Text konzentrieren. Meistens Soundtracks von Filmen (von Komponisten wie Alexandre Desplat, Bruno Coulais, Hans Zimmer), Serien (The Leftovers, Sherlock, Game of Thrones), Spielen (Ori and the blind forest) oder Animes (The Vision of Escaflowne, Noein, Space Brothers).

Ich möchte ein Buch schreiben. Könnten Sie mir einen Rat geben, damit es mir gelingt?
Diese Frage finde ich sehr schwer zu beantworten. Ich denke, es gibt so viele Arten zu schreiben, wie es Autoren gibt, und keine ist meiner Meinung nach besser als eine andere. Es gibt Anleitungen zum Drehbuchschreiben und Leute, die jede Menge sehr interessante Ratschläge verbreiten, aber die würde ich eher empfehlen, nachdem man seine eigenen Erfahrungen gemacht und sein kritisches Denken geschärft hat. Das Entscheidende ist, dass man sich selbst möglichst treu bleibt, den Stil und die Ideen findet, die einem entsprechen. Und das ist eine echte Herausforderung! Ich glaube eher an die Praxis als an die Theorie. Nur indem man viele Fehler und Irrfahrten macht, entwickelt man sich. Die Geschichte, die man zu Papier bringt, wird nicht unbedingt der entsprechen, die man im Kopf hatte, und man kann sich sehr lange (Monate, Jahre) sagen: »Das ist aber gar nicht das, was ich schreiben wollte.« Das ist frustrierend, schmerzlich, und trotzdem muss man weitermachen, schreiben, umschreiben, lesen, es anderen zu lesen geben, Kritik annehmen, bis zu dem Tag, an dem man sich sagt: »Na bitte, das ist die Geschichte, die ich schreiben wollte.«

Ich habe ein Buch geschrieben. Könnten Sie es lesen und mir sagen, was Sie davon halten?
Das werde ich oft gefragt, und leider, leider, leider, müsste ich mich klonen, um das auch noch zu bewältigen. Ihr müsst wissen, dass ich neben dem Schreiben Co-Administratorin einer Online-Autoren-Community bin. Zurzeit lese und kommentiere ich vier oder fünf verschiedene Texte, sobald ich einen Moment dafür erübrigen kann!

An welchem Schreibwettbewerb kann ich teilnehmen, um veröffentlicht zu werden? (Lissou)
Der einzige Wettbewerb, an dem ich teilgenommen habe, war genau der richtige für mich, daher habe ich da nicht so viel Erfahrung. Ich weiß, dass manche Verlage regelmäßig Wettbewerbe veranstalten, aber die Teilnahmebedingungen und Preise sind jeweils völlig unterschiedlich. Zum Glück gibt es Websites, die sie alle zusammenstellen und aktualisieren (zum Beispiel le Coin des Appels à Textes in Frankreich, in Deutschland gibt es Websites wie Wortmagier oder Autorenwelt, die über Schreibwettbewerbe informieren). 

Machen Sie sich einen Plan für jedes Kapitel, bevor Sie es schreiben? (LilaJune)
Es gab einmal eine Zeit, da habe ich ohne jede Hemmungen drauflosimprovisiert. Ich störte mich nicht an büschelweise Haaren in der Suppe, an Wo-kommt-das-denn-jetzt-plötzlich-her-? oder Halt-die-Klappe-das-ist-eben-Magie, solange ich meinen Spaß hatte. Irgendwann kippte ich dann ins andere Extrem und wollte immer Kapitel für Kapitel einen superdetaillierten Plan machen. Doch das hat mich letztendlich vor allem blockiert. Inzwischen habe ich, glaube ich, einen Kompromiss gefunden, der mir in jeder Hinsicht am ehesten entspricht. Ich halte die wichtigsten Etappen der Geschichte auf Post-its fest, ohne mich zunächst um das »Wo«, »Wann« oder »Wie« zu kümmern. Das darf meine Fantasie dann während des Schreibens ausbaldowern. Jede Etappe beinhaltet eine Handlung, eine Entscheidung oder eine Enthüllung, die gravierende Auswirkungen auf den Plot und die Entwicklung der Figuren haben. Sie kann sich über mehrere Kapitel erstrecken oder nur über ein halbes. Wer dieses Thema gerne vertiefen möchte, dem empfehle ich John Truby’s Anatomy of Story. Dabei geht es nicht darum, eine Methode eins zu eins anzuwenden, sondern das herauszufiltern, was Euch nützlich sein könnte. Jeder Autor findet irgendwann sein Deckelchen.

Fangen Sie am Anfang, in der Mitte oder am Ende mit dem Schreiben an? (Blanche)
Beim Schreiben bin ich wie ein Ozeandampfer. Ich fange mit der ersten Seite an, höre mit der letzten auf und bin absolut außerstande ein neues Kapitel zu beginnen, ehe ich nicht mit dem vorhergehenden voll und ganz zufrieden bin. Manchmal habe ich blitzartige Eingebungen (meistens mitten in der Nacht, sonst wäre es ja nur halb so spaßig), bei denen ich eine spätere Szene oder einen Dialog haargenau vor mir sehe, mit allen möglichen Details, die mir total gefallen, von denen ich aber fürchte, dass ich sie alle vergessen haben werde, bis ich bei dem entsprechenden Punkt der Geschichte angekommen bin (hatte ich schon erwähnt, dass ich nicht gerade die Schnellste bin?). Das sind die einzigen Fälle, in denen ich eine grobe Textversion in eine Extra-Datei tippe, wo sie geduldig wartet, bis sie an der Reihe ist.

In welcher »Kreativen Umgebung« schreiben Sie am liebsten? (Lise)
Am allerbesten kann ich auf meinem Sofa schreiben, die Kopfhörer in den Ohren, ein Kissen im Rücken und den Computer auf den Knien. Wenn ich von da aus zum Fenster hochschaue, ist der Blickwinkel absolut perfekt: Ich sehe weder die Straße noch die Autos, sondern nur den großen Baum der Nachbarn gegenüber und ein Stück Himmel.

Wann können Sie am besten schreiben? (Tiberghien)
Ich habe eigentlich keine festen Arbeitszeiten, aber ich habe festgestellt, dass die besten Tageszeiten für mich morgens früh gleich nach dem Aufstehen und abends vor dem Zubettgehen sind. Im einen Fall wie im anderen bin ich noch oder schon mit einem Fuß im Schlaf, und da lässt meine Fantasie eher mal die Zügel schießen. Ich bin lockerer, mache mir weniger Druck und fühle mich freier, zu schreiben.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Schreiben? (Emily)
Auch da habe ich keinen genauen Plan. Ich habe keine andere Arbeit und außer meiner Katze und meinem Freund, der genauso ein ungeregeltes Leben führt wie ich, keine Familie, um die ich mich kümmern müsste. Daher teile ich mir die Zeit zu Hause ein, wie ich will. Oder besser, ich teile sie mir nicht ein. Ich schreibe, recherchiere, gucke Zeichentrickfilme, wie es gerade kommt. Ich versuche dranzubleiben, aber ich nehme mir nicht vor, jeden Tag eine bestimmte Zeit lang oder soundso viele Wörterorten zu schreiben. Und wenn mir einmal partout nichts einfallen will, dann breche ich es auch nicht um jeden Preis übers Knie. Außerdem ist ein Autor nicht nur mit Schreiben beschäftigt. Ich reise ein- bis zweimal im Monat zu Lesungen und Signierstunden, und das muss immer ziemlich lange im Voraus geplant werden, mit jeder Menge E-Mails hin und her. Ziemlich viel Zeit investiere ich auch in die Kommunikation mit den verschiedenen Abteilungen meines Verlages (Presse, Veranstaltungen, Lektorat, Buchhaltung) und anderen Büchermenschen, die mich freundlicherweise einladen. Und schließlich gibt es natürlich noch den Austausch mit meinen Lesern: die Website, die Facebook-Seite, die Facebook-Gruppe, Tumblr, das sind alles digitale Plattformen, auf denen ich mich möglichst regelmäßig bewege (daher die ganzen FAQs!). Natürlich bin ich nicht verpflichtet, das zu tun, aber ich finde es wichtig, mit Euch im Kontakt zu sein. All das zusammen kann phasenweise eine so große Menge Arbeit bedeuten und mir so viel Energie abverlangen, dass ich überhaupt nicht mehr zum Schreiben komme. Zum Glück hilft mir mein Freund, der sich wie ein echter Literaturagent verhält. Er informiert sich und berät mich täglich über alles, was meine Tätigkeit direkt oder indirekt betrifft. Das Wichtigste für ihn ist dabei nicht, dass ich besonders viele Bücher verkaufe oder berühmt werde, sondern dass ich mich in meiner Leidenschaft weiter entfalten kann. Zusammenfassend kann man wirklich sagen, dass ich privilegiert bin. Viele Autoren, die ich kennenlerne, müssen sich um alles selbst kümmern und haben nebenbei noch Kinder und einen anderen Beruf!

Wer hilft Ihnen, Ihre Texte zu korrigieren? (YnnaF)
Bevor ich einen Verlag fand, habe ich meine Geschichte auf Plume d’Argent online veröffentlicht. Diese Web-Autoren-Community ist für mich eine echte Schreib-Familie: Sie hat mich immer ermutigt und tut es nach wie vor. Ich kann meinen Text jetzt nicht mehr online posten, wie ich es früher getan habe, aber ich zeige ihn privat einem Kreis von Schreib-Schwestern, zu denen ich grenzenloses Vertrauen habe. Sie haben diese wunderbare Fähigkeit, mein Manuskript aus zwei Blickwinkeln zu lesen: Als Leserinnen teilen sie mit mir ihren ersten Eindruck und ihre Fragen; als Autorinnen legen sie den Finger auf stilistische Schwächen, Unklarheiten und Ungereimtheiten. Ihr Blick ist für mich unschätzbar wertvoll. Und dann gibt es natürlich noch den Verlag, Gallimard Jeunesse. Meine Lektorin greift meistens nicht in die Struktur der Geschichte ein, sondern konzentriert sich eher auf die Form, damit sich der Text so flüssig wie möglich liest. Dann wird der Text von Hand zu Hand, von Abteilung zu Abteilung weitergereicht, jedes Mal mit neuen Reaktionen. Ich denke da besonders an Jean-Philippe Arrou-Vignod, der zugleich Autor und Herausgeber einer Reihe bei Gallimard Jeunesse ist: Seine Rückmeldungen sind immer sehr hilfreich für mich. Und schließlich ist da mein Herzallerliebster, der meine Texte mit unglaublichem Wohlwollen liest. Man muss dazusagen, dass Jugendliteratur und Fantasy-Genres überhaupt nicht sein Fall sind. Er korrigiert mich nicht, aber ich gebe sehr viel auf seine Meinung.

Was gefällt Ihnen am Schreiben? (Emily)
Das ist eine wunderbare Frage zum Schluss! Was ich am meisten am Schreiben mag, ist, dass es mir erlaubt, der Realität zu entfliehen, um mich ihr dann besser, aus einer neuen Perspektive, wieder zuwenden zu können. Schreiben verändert den Blick, den man auf sich selbst und die Welt hat.

 

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

 

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Erschienen am 11. März 2019

Erschienen am 27. Juli 2019

Erschienen am 18. November 2019

 

Erscheint am 18. Mai 2020