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FAQ #2

Christelle Dabos beantwortet wieder Eure häufigsten Fragen.

Allgemein – Woher hatten Sie die Idee zu dieser Welt?
Eigentlich habe nicht ich die Idee gefunden, sondern die Idee hat mich gefunden. Sie hat mich plötzlich angesprungen, ohne Vorwarnung, mitten auf einem Waldspaziergang nicht weit von meinem Haus. Zuerst habe ich (in meinem Kopf, natürlich, nicht im Wald) ein Gesicht gesehen, das aus einem Spiegel herauskam. Und dann folgte ein regelrechter innerer Big Bang: Ophelia, die Animisten, die in Archen zersplitterte Welt und die wichtigsten Charaktere sind unversehens in mein Leben gepurzelt. Wenn ich genauer darüber nachdenke, würde ich sagen, das alles ist ein großer Verdauungsprozess. Ich glaube nicht, dass ich ganz besonders originell bin, aber ich habe meine persönliche Symbolik mit all den Werken vermengt, die mich seit meiner Kindheit beeinflusst haben (die Mischung macht’s!).

Allgemein – Wer sind Ihre Vorbilder?
Da gibt es SO VIELE. Die Werke, die ich an dieser Stelle generell nenne, sind die Harry-Potter-Bände von J. K. Rowling, Der goldene Kompass von Philip Pullman, Alice im Wunderland von Lewis Carroll und Hayao Miyazakis Animationsfilme (Chihiros Reise ins Zauberland und Das wandelnde Schloss). Aber in Wahrheit gibt es viele, viele weitere Werke, die mich bewusst oder unbewusst beeinflusst haben. Nehmen wir zum Beispiel Marcel Aymé: Der Titel meiner Serie (auf Französisch: La Passe-miroir) ist eine Hommage an seinen Erzählband Der Mann, der durch die Wand gehen konnte (auf Französisch: Le Passe-muraille), und Kater Titus erzählt habe ich als Kind wieder und wieder gelesen. Neben den Romanen gibt es natürlich noch die Mythen, Märchen, biblischen Geschichten, Comics, Mangas, Filme, Animationsfilme und Serien, die meine Fantasie beflügelt haben und es immer noch tun.
Mir ist zum Beispiel erst vor Kurzem klar geworden, dass die Himmelsburg eine Neuauflage des Schlosses in Der König und der Vogel ist, einem Zeichentrickfilm, der mich als Kind fasziniert hat.
Ach, und ich muss euch von meinem Papa erzählen. Wisst Ihr, Herr Dabos Senior schreibt nämlich auch, aber keine fiktiven Geschichten. Er ist Spezialist für das berühmte Geheimnis um den Mann mit der eisernen Maske (hier geht es zu seinen Nachforschungen), und seit Jahren entführt er mich in die Welt des französischen Königshofes von Versailles im 17. Jahrhundert. Daher die Hofintrigen der Spiegelreisenden. Und wenn Ihr es genau wissen wollt: Dass ich Thorn zum obersten Finanzverwalter gemacht habe, ist ein augenzwinkernder Verweis auf Nicolas Fouquet, den Finanzminister des Sonnenkönigs Ludwig XIV., eine der großen, in die Affäre um den Mann mit der eisernen Maske verwickelten historischen Figuren. Da habt Ihr’s. Mein Papa, also.
Und dann sind da noch die Werke, die mich nicht beeinflusst haben, mit denen Die Spiegelreisende aber trotzdem sehr oft verglichen wird: Stolz und Vorurteil von Jane Austen und Margarethe von Elizabeth Gaskell. Die habe ich erst entdeckt, nachdem ich den ersten Band geschrieben hatte, eben weil man mir immer wieder davon erzählt hat. Da gibt es auf jeden Fall Gemeinsamkeiten (sieht ganz so aus, als hätte ich nichts Revolutionäres erfunden, he he), aber ehrlich, stellt euch Thorn bloß nicht wie Mister Darcey vor.
Mister Darcey ist sehr viel verführerischer.

Allgemein – Sie erwähnen »Gott«. Sind Sie gläubig?
Wenn ich mir einige Episoden des Alten Testamentes noch einmal ansehe (vor allem die Sintflut und den Turmbau zu Babel), dann hat der Gott der Spiegelreisenden absolut nichts mit dem biblischen Gott zu tun. Ich kann das unmöglich erklären, ohne zu viel zu verraten, aber je weiter Ihr lest, desto besser werdet Ihr es verstehen, denke ich.

Allgemein – Ist Ophelias Welt unsere Zukunft?
Hier brauche ich nicht zu spoilern, denn daraus mache ich absolut kein Geheimnis: Nein, Ophelias Welt ist weder unsere Vergangenheit noch unsere Zukunft. Ich betrachte sie eher als ein verzerrtes Spiegelbild unserer Welt, was mir viel kreativen Spielraum lässt. Ich vermische vollkommen ungeniert den Hof von Versailles und Jazz-Atmosphäre, Steampunk-Technik und altmodische Benimmregeln. Was mich nicht daran hindert, mich gründlich zu informieren! Egal, ob in einer Szene ein Telefon oder ein Zeppelin vorkommt, ich kann Stunden mit Recherche verbringen, um dann ganz genau zu beschreiben, wie sie funktionieren.

Allgemein – Werden wir alle Archen kennenlernen?
Nein. Es wird nur vier Bände geben, von denen zwei bereits dem Pol und, wenn auch in geringerem Umfang, Anima gewidmet sind. Und wenn man bedenkt, dass es in der Welt der Spiegelreisenden insgesamt 21 große und 186 kleinere Archen gibt …! Aber ich bemühe mich, bis zum Ende des letzten Bandes noch einen hübschen Überblick über die anderen Familien zu geben.

Allgemein – Könnten Sie alle Archen einmal auflisten?
Natürlich!
Anima, die Arche von Artémis, der Beherrscherin der Dinge.
Der Pol, die Arche Faruks, des Herrn über den menschlichen Geist.
Erdenbogen, die Arche des Janus, Herr des Raums.
Babel, die Arche der Zwillinge Pollux und Helene, den Meistern der Sinne.
Totem, die Arche der Venus, Herrin der Tiere.
Zyklop, die Arche des Uranus, Beherrscher der Schwerkraft.
Flora, die Arche Belisamas, der Herrin über die Pflanzenwelt.
Plombor, die Arche des Midas, Herr der Transmutation.
Pharos, die Arche des Horus, Meister der Verführung.
Serenissima, die Arche Famas, der Meisterin der Weissagung.
Heliopolis, die Arche Luzifers, des Beherrschers der Blitze.
Die Wüste, die Arche Dschinns, des Beherrschers der Wasser.
Tatar, die Arche Gaias, der Beherrscherin der Erdkräfte.
Zephir, die Arche Olymps, des Beherrschers des Windes.
Titan, die Arche Yins, der Beherrscherin der Masse.
Korpolis, die Arche des Zeus, Herr des Gestaltwandels.
Síd, die Arche Persephones, Beherrscherin der Temperatur.
Selene, die Arche des Morpheus, Meister der Träume.
Vesperal, die Arche Wiraquchas, des Meisters der Phantomisierung.
Al-Ondalus, die Arche von Re, dem Meister der Empathie.
Stern, neutrale Arche, Sitz der interfamiliären Institutionen.
Zu Beginn des dritten Bandes werden sie alle aufgezählt. Ich werde mit dem Verleger und dem Illustrator besprechen, ob man das irgendwie bebildern kann. 🙂

Allgemein – Kann eine Figur zwei Kräfte in sich vereinen?
Auch wenn die großen Klans sich sehr selten vermischen, kommt dies durchaus vor, und die Kinder aus solchen interfamiliären Verbindungen können zwei Kräfte in sich vereinen. Meistens jedoch gewinnt eine Kraft schließlich die Oberhand über die andere, je nach den Anlagen ihres Trägers.

Anima – Was unterscheidet einen Spiegelgänger von einem Leser?
Um durch einen Spiegel zu gehen, muss man ganz bei sich und mit sich selbst im Reinen sein. Zu lesen erfordert, genau im Gegenteil, dass man sich für einen Moment vollständig vergisst, um den im Objekt gespeicherten Erinnerungen Raum zu geben.

Anima – Der Dialekt der Animisten enstpricht doch dem belgischen Französisch, oder?
Absolut! Ich selbst bin leider keine Belgierin (sagen wir, ich bin es im Herzen), aber ich bin total verliebt in die Wallonen, ihre besonderen Ausdrücke, ihre offene Art und ihre hübschen Backsteinhäuser. In meiner Vorstellung haben die Animisten da viel von den Wallonen.

Anima – Welche Kraft haben die Doyennen?
Jede Doyenne hat zunächst mal ihre individuelle animistische Fähigkeit. Die hängt einerseits von den Eltern ab (durch Nachahmung), andererseits von der Persönlichkeit der Doyenne. Allerdings haben die Doyennen einen hohen gesellschaftlichen Rang inne, wofür auch die belebten Objekte empfänglich sind. Daher gehorchen alle beweglichen und unbeweglichen öffentlichen Güter auf Anima ihnen.

Anima – Gibt es auf Anima auch Gabenlose?
Nein, nicht mehr. Anders als die Klans am Pol, bilden die Animisten eine einzige große Familie, in der alle miteinander verwandt sind. Unmittelbar nach dem Riss gab es auf der Arche, die zu Anima werden sollte, gerade mal eine Handvoll Überlebende. Artemis hat sich mit ihnen vereint und Kinder von ihnen bekommen. Die Nachfahren Artemis’ haben ihrerseits Menschen geheiratet, die nicht von dem Familiengeist abstammten, und die aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Kinder haben allesamt einen Animismus entwickelt. So sind nach und nach, Generation um Generation die Gabenlosen von Anima verschwunden.

Pol – Sind alle Bewohner des Pols blond und blauäugig?
Ganz und gar nicht! Nur die Nachfahren Faruks haben die Blässe seiner Haut, seiner Augen und seiner Haare geerbt, und da sie dazu neigen, nur untereinander zu heiraten (immer her mit den Blutsverwandten!), ähneln sie einander allesamt. Doch ein großer Teil der Bevölkerung des Pols ist überhaupt nicht mit Faruk verwandt, und da – ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass das in Band zwei vorkommt – gibt es sehr viel mehr Abwechslung.

Pol – Wie lange dauert die Reise von Anima bis zum Pol?
Ähm. Das wusste ich mal, aber ich hab’s vergessen (seht Ihr, jetzt ist auch klar, von wem Faruk sein Gedächtnis geerbt hat). Tatsächlich ist Ophelia zu Beginn der Geschichte nicht auf direktem Weg dorthin gereist, denn sie befand sich an Bord eines Postluftschiffs, das große Umwege gemacht hat, um vorgeschriebene Etappen anzufliegen, sonst wäre es natürlich schneller gegangen. So oder so beträgt die Distanz Tausende von Kilometern, und ein Zeppelin hat eine Reisegeschwindigkeit von 90 km/h.

Pol – Welche Kräfte haben die verstoßenen Klans?
In Band zwei erwähne ich vor allem vier von ihnen. Genauer ins Detail zu gehen, könnte denen, die ihn noch nicht gelesen haben, die Überraschung verderben, daher gibt es für diese Antwort eine Spoiler-Warnung.

  • Die Kraft der Chronisten (Thorns Familie mütterlicherseits) ist mit dem Gedächtnis verknüpft: Sie können ihre eigenen Erinnerungen ebenso erweitern wie die der anderen durchsuchen beziehungsweise verändern.
  • Die Kraft der Unsichtbaren besteht in ihrer Tarnung: Sie sind nicht wirklich unsichtbar, doch sie sind in der Lage, die Wahrnehmung der anderen derart zu manipulieren, dass diese sie nicht bemerken.
  • Die Kraft der Betäubenden wirkt auf die Schlaf-Wach-Regulation: Sie haben eine absolute Kontrolle über ihren Schlaf (Ihr braucht gar nicht zu lachen, das ist ULTRA nützlich) und können auch den der anderen beeinflussen.
  • Die Überzeugenden haben, wie ihr Name schon sagt, eine große Überzeugungsgabe, was ihnen bei jeder Verhandlung und jedem Geschäft entscheidende Vorteile bringt.

Ach, und die perfekte Dosierung von Kakao sind natürlich fünfzig Suppenlöffel auf eine halbe Tasse Milch.

 

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

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Erschienen am 11. März 2019

Erschienen am 27. Juli 2019

Erscheint am 18. November 2019

 

Erscheint im Frühling 2020